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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2015
Höchste Zeit
Klimakrise: Die Politik, der Papst und die Menschheit. Worauf es jetzt ankommt
Der Inhalt:

»Ich will Streumunition entschärfen«

von Bernd Müllender vom 11.09.2015
Der pensionierte Schulleiter Heinz Jussen organisiert Friedensläufe – in Bosnien und in der Eifel

In ihren Geschichtsbüchern lesen die jungen Leute auf dem Balkan völlig unterschiedliche Wahrheiten über ihre Nachbarn und den Bosnienkrieg. Mit unserem jährlichen Jugendtheaterfestival »Bina Mira«, »Bühne des Friedens«, abwechselnd in Aachen und in den Balkanländern, wollen wir die Streumunition in den Köpfen der Jugendlichen entschärfen. Ich selbst hatte vorher auch Klischeebilder im Kopf von den bösen Serben, teils von bösen Kroaten und den armen Bosniaken als Opfern. Vor allem durch Kontakte zu jungen Serben lösten sich meine Vorurteile auf.

2014 unternahmen wir einen besonders langen Anlauf zum Festival: Mit »Flame for Peace«, dem Friedenslauf von Sarajevo nach Aachen. In 56 Etappen: In die Schreckensorte des Bosnienkriegs wie Srebrenica, nach Verdun und Hürtgenwald. 1500 Läuferinnen und Läufer machten mit – Ultrarunner, Freizeitjogger, Schulklassen, Friedensgruppen, sogar bosnische Soldaten und in Belgien Soldaten aus dem afrikanischen Burundi. Die Organisa tion war eine Mühsal, doch der Lauf war eine großartige Erfahrung.

Hunderte Kinder rannten in den Etappen-Orten mit. Sehr berührend war das. Ein junger bosnischer Serbe, der ein paar Tage mitlief, kam spontan mit zur Gedenkstätte der muslimischen Opfer in Srebrenica. Er sagte: »Da krieg ich Ärger nachher. Da muss ich mich verteidigen. Aber es ist es mir wert.« Es gibt im gespaltenen Bosnien immer noch dieses Zwei-Welten-Denken – und sehr viel Perspektivlosigkeit.

Weshalb Bosnien? 1992 war der 16-jährige bosnische Kriegsflüchtling Suad traumatisiert an meine Schule gekommen. Ein Mitschüler sagte: »Die Eltern von Suad sind tot; eine Granate, in Tuzla.« Ich war hilflos. »Mein herzliches Beileid« verstand Suad nicht. Er weinte und schämte sich dafür. Dann sagte ich: »Suad, ich fahre nach Tuzla.« Und dachte gleich, was rede ich da? Ein paar Tage später fragte er mich: »Fahren Sie echt nach Tuzla?« Ja, antwortete ich. Es war ein Versprechen. Dann gelangte ich als Erster mit Hilfsgütern in die eingekesselte Stadt. Daraus wurden, teils unter Beschuss und einmal mit tagelanger Gefangennahme, elf Fahrten mit dem Lkw voller Hilfsgüter in die bosnische Industriestadt Tuzla.

Flame for Peace macht weiter. Am 19. September tragen wir unsere Friedensenergie in der Eifel per Sternlauf nach Burg Vogelsang, einer früheren Ordensburg der Nazis. Der Ort ist ein Symbol: Ehedem NS-Eliteschule, h

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