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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2015
Höchste Zeit
Klimakrise: Die Politik, der Papst und die Menschheit. Worauf es jetzt ankommt
Der Inhalt:

Fit für die Katastrophe

von Thomas Gebauer vom 11.09.2015
Resilienz meint die Fähigkeit von Menschen, Krisen zu widerstehen. Diese Fähigkeit zu stärken ist sehr wichtig. Doch das Konzept wird zunehmend politisch missbraucht

Ein Konzept mit einem schillernden Namen geht um in Deutschland: das Konzept der Resilienz. Dahinter verbirgt sich eine wunderbare Idee: Es geht um die Fähigkeit von Menschen und Systemen, Störungen von außen zu überstehen. Das lateinische »resilire« meint »abprallen, zurückfedern« – der Begriff stammt ursprünglich aus der Physik. Seit vielen Jahren versuchen Psychologen erfolgreich, diese Fähigkeiten bei Menschen zu stärken, damit sie in einer Umwelt mit hohen Anforderungen und vielen Krisen ihr Leben gut führen können.

Doch so wunderbar die Idee der Stärkung der individuellen Widerstandskräfte auch ist, so sehr droht das Konzept derzeit von der Politik missbraucht zu werden. Sie benutzt die Idee, um den Menschen all die Probleme aufzuladen, mit deren Lösung sich die Politik nicht weiter beschäftigen möchte. Man könne nur noch »auf Sicht fahren«, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel vor ein paar Jahren. Und meint damit, dass sich die Politik nur noch von Krise zu Krise hangelt. Wenn jedoch die Politik nicht mehr in der Lage ist, den Krisen dieser Welt etwas entgegenzusetzen, dann bereitet dies den Boden für Verunsicherungen von dramatischem Ausmaß.

In dieser Lage gilt vielen die Förderung von Resilienz als entscheidende Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit, als Allheilmittel für alle Gefahren, denen Menschen ausgesetzt sein können. So ist denn Resilienz Thema in der Erziehungsberatung, in der Traumabehandlung, in den einschlägigen Ratgeberspalten der Medien, aber auch in der Frage des Aufbaus von Gesundheitsdiensten in Westafrika, in den Trainingskursen für Führungskräfte, beim Schutz vor Burnout, vor dem Klimawandel und kriegerischer Gewalt, in der Katastrophenvorsorge oder in der Ökonomie.

Angesichts von Zukunftserwartungen, die von Chaos- und Bedrohungsszenarien geprägt sind, spricht nichts dagegen, die Widerstandkraft von Menschen zu stärken. Und natürlich ist es notwendig, Menschen in ihrem Bemühen zur Seite zu stehen, sich vor Katastrophen besser zu schützen. Absurd wird es jedoch, wenn das Bemühen um Resilienz zur Rechtfertigung herhalten muss, um nichts mehr gegen die Ursachen von Krisen tun zu müssen. Genau das aber ist zunehmend der Fall. Die Idee der Resilienz ist in den letzten Jahren mehr und mehr von jener Politik der Entpolitisierung vereinnahmt worden, die – indem sie »auf Sicht fährt« – gar nicht mehr den Anspruch erhebt, Alternativen zu

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