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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2015
Höchste Zeit
Klimakrise: Die Politik, der Papst und die Menschheit. Worauf es jetzt ankommt
Der Inhalt:

»Es kommt viel zurück«

von Ulrike Schnellbach vom 11.09.2015
Sozialprotokoll: Elisabeth Götz (46) arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren als Sozialarbeiterin in einem Freiburger Flüchtlingswohnheim

Hier ist es gerade sehr trostlos: Es werden neue Container zusätzlich zu den sieben Häusern aufgestellt, dadurch ist überall Matsch, und der Bolzplatz musste weichen. Das ist für die 340 Flüchtlinge, die zurzeit hier wohnen, schon frustrierend, vor allem für die Jugendlichen. Hier ist ja ihr Zuhause, so schlimm das ist. Im Schnitt leben die Flüchtlinge drei Jahre im Wohnheim, viele sind aber auch fünf bis sieben Jahre da. Einmal hatte ich eine kurdische Familie, die hat zwanzig Jahre im Heim gewohnt! Auch für mich ist es unschön und eng, aber ich arbeite hier ja nur, ich blende das aus.

Die Arbeit mit den Flüchtlingen empfinde ich nicht nur als belastend, im Gegenteil. Wenn man ihnen offen und wertschätzend begegnet, kommt so viel zurück: Man erfährt viel über ferne Länder und fremde Kulturen, vor allem lernt man tolle Menschen kennen, die trotz allem nicht aufgeben. Wie die Kinder strahlen, wenn man ihnen nur eine Kleinigkeit gibt! Und die Erwachsenen bedanken sich tausend Mal, weil man ihnen hilft.

Mir war schon im Studium klar, dass ich mich für Menschen einsetzen möchte, die keine Lobby haben. Den Job mache ich bis heute mit großer Motivation – natürlich nicht an allen Tagen gleichermaßen, aber ich habe noch nie mit dem Gedanken gespielt, den Bettel hinzuschmeißen. Am Anfang war es schon hart. Ich erinnere mich genau an die erste Abschiebung, die ich miterleben musste: Es war eine kurdische Familie, und sie rief mich aus dem Polizeiwagen heraus an, der sie zum Flugplatz brachte: »Elisabeth, hilf!« Ich benachrichtigte den Anwalt, aber dann war ich mit meiner Sozialarbeit am Ende. Auch der Anwalt konnte nichts mehr tun. An diesem Abend habe ich sehr geweint.

In letzter Zeit sind aus unserem Wohnheim zum Glück nur selten Menschen abgeschoben worden. Aber im Moment sind die Roma in heller Aufregung. Seit eine Mutter mit sechs kleinen Kindern nach Serbien abgeschoben wurde, sitzen sie auf gepackten Koffern und haben Angst. Das ist auch für mich sehr belastend; in dieser Situation kommt man mit Sozialarbeit kaum weiter.

Die Arbeit ist insgesamt leichter, wenn man mehr Erfahrung hat. Ich habe ein großes Netzwerk innerhalb des Deutschen Roten Kreuzes, für das ich arbeite, und auch darüber hinaus. Darauf kann ich zurückgreifen, wenn ich alleine nicht weiterkomme. Auch Supervision hilft. Wir lachen hier auch viel zusa

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