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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2015
Höchste Zeit
Klimakrise: Die Politik, der Papst und die Menschheit. Worauf es jetzt ankommt
Der Inhalt:

Alles so schön fremd hier

von Eva-Maria Lerch vom 11.09.2015
Reisen bildet, heißt es. Doch stimmt das wirklich? Unsere Autorin zweifelt daran. Solange wir in der Ferne nur nach dem Vertrauten suchen, bleiben wir so, wie wir sind

Gehe jedes Jahr an einen Ort, an dem du noch nie gewesen bist«, lautet eine Lebensregel des Dalai Lama. Ausgerechnet das spirituelle Oberhaupt der Tibeter propagiert das Reisen? Dabei hatten doch schon die frühchristlichen Wüstenväter die »stabilitas loci« gepredigt und vor ziellosem Umherschweifen gewarnt. Und der stoische Philosoph Seneca glaubte, dass Reisen ohnehin sinnlos sei: »Wer übers Meer zieht, verändert den Himmel, aber nicht seine Seele.«

Ich muss gestehen: Mit dem Reisen tue ich mich schwer. In fremden Ländern fühle ich mich oft seltsam verloren. Historische Plätze und Gebäude beeindrucken mich immer nur kurz, und die Erläuterungen von Reiseführern mit ihren Zahlen und Anekdoten langweilen mich meist schon nach wenigen Minuten. In den Städten Siziliens und am Strand von Kroatien war es mir zu heiß, Sonnenbrillen stehen mir nicht, und oft fühlte ich mich in der Fremde so deplatziert, so unverbunden mit der Umgebung, als sei ich gar nicht wirklich da.

Den meisten Deutschen scheint es anders zu gehen, sie reisen mit Lust und Wonne. So unterhält die Tourismusbranche allein im Inland 9800 Reisebüros und 2,9 Millionen Beschäftigte, dazu kommen immer mehr Reisen, die im Internet gebucht werden. Reisen ist eine Schlüsselbranche geworden, die mehr zu unserer Volkswirtschaft beiträgt als die Fahrzeugindustrie. Wer viel von der Welt gesehen hat, ist hoch angesehen; einer, der »nie aus seinem Kaff herausgekommen ist«, gilt dagegen als hinterwäldlerisch und dumm.

»Das Reisen bildet sehr«, behauptete Immanuel Kant schon vor zwei Jahrhunderten. Der bekannte Philosoph, der seinen Heimatort Königsberg allerdings nie verlassen hat, schrieb: »Reisen entwöhnt von allen Vorurteilen des Volkes, des Glaubens, der Familie, der Erziehung. Es gibt den humanen duldsamen Sinn, den allgemeinen Charakter.«

Wenn das so ist, müssten wir Deutschen die gebildetsten und tolerantesten Menschen der Welt sein. Schließlich sind wir Reiseweltmeister. 57 Prozent von uns befolgen den Rat des Dalai Lama und unternehmen jedes Jahr eine Reise von mindestens fünf Tagen. Jeder fünfte Deutsche verreist sogar mehr als einmal im Jahr.

Doch auch wenn so ein Ortswechsel angeblich die Persönlichkeit bildet: Von vielen meiner Reisen ist wenig hängen geblieben, fürchte ich. Die Atmosphäre der Hotelzimmer und Campingplätze, der Reisebusse und Souvenirshops

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