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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2013
Schutzschirm der Seele
Was uns die Kraft gibt, immer wieder aufzustehen
Der Inhalt:

Fünf tote Hähnchen pro Sekunde

von Gunhild Seyfert vom 13.09.2013
Die Kirchen treten für die Bewahrung der Schöpfung ein. Doch was heißt das im Konflikt um einen Schlachthof? Der Fall Wietze

Wietze war eine ganz normale Gemeinde, vierzig Kilometer nördlich von Hannover. Bis der Schlachthof kam. Seit zwei Jahren steht dort Europas größter Schlachthof für Geflügel. Jede Woche können 2,6 Millionen Hähnchen geschlachtet werden. Das sind 420 000 Tiere pro Tag, fast fünf Hähnchen pro Sekunde. Die Schlachtmesser rotieren Tag und Nacht. Wietze wurde zu einem Standort der Fleischindustrie und zu einem Schlagwort in der Auseinandersetzung um den Kurs der Landwirtschaft.

350 Menschen sind im Schlachthof in Wietze beschäftigt. Nach Angaben des Unternehmens Rothkötter, das schon Schlachthöfe im westlichen Niedersachsen betreibt, sollen dort tausend Menschen Arbeit finden. Vorausgesetzt, der Schlachthof arbeitet irgendwann mit voller Auslastung.

Das weckt Hoffnung auf Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Aufschwung bei den einen. Andere entsetzen sich über die Tierhaltung im Turbo-Stil und eine gigantische Fleischproduktion, die jegliches gesunde Maß verloren hat.

Ein tiefer Riss geht durch einst beschauliche Dörfer in Niedersachsen, das Deutschlands Agrarland Nummer eins ist. In der vielerorts konservativ-bäuerlichen Region wird erbittert darüber gestritten, wie Landwirtschaft betrieben und Tiere gehalten werden sollen: als hochtechnisierte Agroindustrie oder in bäuerlicher Landwirtschaft? Viele Menschen sind direkt von dieser Frage betroffen: Landwirte und Arbeiter, die ein wirtschaftliches Auskommen für sich und ihre Familien brauchen, Nachbarn, die plötzlich neben einem Megastall wohnen müssen, Gewerbetreibende, die vom Tourismus leben wollen.

Ein tiefer Riss geht auch durch Kirchen und Gemeinden. Themen wie der »Schutz der Umwelt« und die »Bewahrung der Schöpfung«, aber auch Arbeit und Wirtschaft, zu denen in der Kirche häufig gepredigt wird, kommen ganz nah. Jetzt müssten Kirchenvorstände, Pastorinnen und Bischöfe Position beziehen. Doch damit tun sie sich schwer. Denn sowohl die Befürworter als auch die Gegner von Megaställen sind Mitglied in den Kirchengemeinden. Groß ist die Angst, irgendjemanden zu verprellen. Viele Kirchenvertreter signalisieren deshalb Verständnis für beide Positionen. Doch geht das überhaupt?

»Wenn mir ein Gemeindemitglied sagt: ›Toll, ich habe Arbeit im Schlachthof gefunden!‹, soll ich ihm dann sagen, das ist nicht in Ordnung, und er soll zurückstecken?«, fr

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