Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2012
Verloren im Vatikan
Ein Reformkonzil wird 50
Der Inhalt:

Eine Frage der Haltung

von Corinna Nitz vom 07.09.2012
»Respectare«, das ist die Kunst der Berührung zwischen Nähe und Distanz. Sie soll Kranken und Sterbenden helfen. Ein Besuch im Hospiz am St. Elisabeth-Krankenhaus in Halle

Magdalena K. (Name geändert) wirkt erschöpft. Mitte Juli ist es, sie lebt nun schon seit drei Wochen im Hospiz am St. Elisabeth-Krankenhaus in Halle. »Man verliert das Zeitgefühl«, sagt sie. Tage kommen und vergehen, an manchen meldet sich – außer am Telefon – kaum jemand. An anderen reißt der Besucherstrom nicht ab, erst am Vortag waren fünf Leute da. Auch wenn das schön ist, so strengt es doch an. Vermutlich ist dies Magdalena K.s letzter Sommer. Sie lässt den Blick durchs Zimmer schweifen: »Das ist jetzt meine Wohnung«, stellt sie ziemlich sachlich fest und meint: »Wie lange es noch geht, weiß ich nicht. Mein Mann führt jetzt die Wirtschaft.«

Am Fußende von Magdalena K.s Bett steht Gerlinde Poldrack. Die Krankenschwester und Palliativ-Care-Fachkraft arbeitet als Koordinatorin im Hospiz. Sie trägt Zivil, freundliches warmes Rostrot. Sie hat ein Handtuch mitgebracht und Duftöl. Mit sehr langsamen Handbewegungen streicht sie nacheinander erst den rechten, dann den linken Fuß von Magdalena K.. Nichts, so scheint es, kann Poldrack in den folgenden zwanzig Minuten ablenken. Auch die Todkranke entspannt – obwohl sie plötzlich anfängt, dem fremden Besucher im Raum aus ihrem 72-jährigen Leben zu berichten, dessen Rhythmus zuletzt von Krebs, Operationen und Chemotherapien diktiert wurde. Dann schaut sie aus großen Augen zu Poldrack und gesteht: »Die Berührung wirkt so beruhigend aufs Gemüt.«

Es ist kein beiläufiges Streicheln, wie es gelegentlich Kinder über sich ergehen lassen müssen, denen Erwachsene zerstreut die Wange tätscheln, ohne sie dabei ernsthaft wahrzunehmen. Es hat auch nichts mit jener routiniert-automatisierten Berührung zu tun, die Pflegebedürftige etwa im Krankenhaus häufig erleben, wenn sie von unter Zeitdruck stehendem Pflegepersonal gewaschen werden. Im stationären Hospiz am St. Elisabeth-Krankenhaus wird dasrespectare®-Konzept praktiziert, eines seiner wichtigsten Prinzipien steckt schon im Wort: Respekt. Poldrack erzählt: »Als ich es kennenlernte, war ich davon ergriffen.« Die 48-Jährige spricht von respectare als einer inneren Haltung. Es geht um Nähe und Distanz, darum, auch die Grenze desjenigen zu akzeptieren, der berührt wird. Da ist es schon beinahe logisch, dass am Anfang die Frage steht, ob es dem anderen überhaupt und gerade in diesem Moment recht ist, berührt zu werden.

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen