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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2015
Unter die Haut
Sechs Monate mit syrischen Flüchtlingen unter einem Dach
Der Inhalt:

Wie w ächst ein S en f korn?

von Christoph Fleischmann vom 28.08.2015
Der Wunsch nach einer Wirtschaft ohne Wachstum fordert den christlichen Glauben heraus

Das Senfkorn ist der kleinste von allen Gemüsesamen. Er wird zum großen Strauch, in dem sogar Vögel nisten können. Auf diese Weise überragt er die anderen Gemüsesorten im Garten: So ist es mit dem Reich Gottes. Das kurze Gleichnis Jesu, das die drei ersten Evangelisten recht übereinstimmend berichten, scheint völlig klar: Aus dem kleinsten Anfang wird das Größte. Aus der kleinen Schar der Jünger Jesu verbreitet sich das Reich Gottes unaufhaltsam immer weiter. Es ist ein Bild der Hoffnung auf Wachstum.

Durch die Verkündigung Jesu war die Hoffnung auf das Kommen Gottes in der Welt. Und damit sei die Vorstellung eines linearen Zeitverständnisses geboren worden. Die Zeit, so argumentieren viele Historiker und Theologen, sei fortan nicht länger durch die ewige Wiederkehr des Gleichen bestimmt. Die Erwartung des radikal Neuen habe den Rhythmus von Werden und Vergehen durchbrochen und lasse den Menschen kontinuierlich nach vorne schauen: dorthin, wo das Reich Gottes bereits als ein Friedensreich aufstrahle. Das Reich Gottes sei ja schon da. Es breite sich aus, langsam, aber unaufhaltsam.

In der Hoffnung liege die tiefste Verbindung zwischen christlichem Glauben und linearem Zeitverständnis. Aus beiden speise sich auch der moderne Fortschrittsoptimismus, der quasi eine säkularisierte Version der christ lichen Hoffnung sei: So sei es durchaus christlich, in dem ganzen »Mischmasch von Irrtum und Gewalt« der Weltgeschichte irgendeine Art von Fortschritt zu finden.

Was aber, wenn die Hoffnung auf ein besseres Morgen verblasst? Der Zukunftsforscher Werner Mittelstaedt fragte zwischen 2004 und 2006 rund 200 Personen, ob sie glaubten, dass die Welt immer besser geworden sei: Siebzig Prozent antworteten mit Nein, zwanzig Prozent, meist nach längerem Überlegen, mit Ja und zehn Prozent gaben keine Antwort. Das Gefühl greift zumindest in unseren Breiten um sich, dass es kein besseres Morgen gibt. Die christliche Hoffnung kann also – anders als noch in den 1960er-Jahren – nicht mehr an einen fraglosen Zukunftsoptimismus andocken.

Der wichtigste Motor dieser positiven Zukunftserwartung war in den zwei bis drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zweifellos der wirtschaftliche Aufschwung in Westeuropa. Doch der ist mittlerweile zum Problem geworden. Das Wirtschaftswachstum kann in einer endlichen Welt nicht unendlich weitergehen, die natürlichen Ressourcen e

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