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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2015
Unter die Haut
Sechs Monate mit syrischen Flüchtlingen unter einem Dach
Der Inhalt:

»Überall, wo du Leben siehst – das bist du!«

von Christian Feldmann vom 28.08.2015
Warum Albert Schweitzers Ethik der »Ehrfurcht vor dem Leben« auch fünfzig Jahre nach seinem Tod aktuell ist

Im September 1965 war die Weltpresse voll sentimentaler Nachrufe auf den »Urwalddoktor« von Lambarene, auf das »Genie der Menschlichkeit«. Man konnte das schlechte Gewissen der einstigen Kolonialherren und der modernen Konzernbosse förmlich riechen, die damals wie heute in Afrika abkassieren. Albert Schweitzer als Alibifigur: Schaut, wir bringen den armen Wilden Humanität und Fortschritt!

Vergessen waren seine Lust an der Provokation und seine Kritik an »verblödeten Staatsoberhäuptern, die mit der Atombombe spielen«. 1957 hatten 140 Radiostationen seine Warnung vor der nuklearen Aufrüstung der Nato ausgestrahlt. Dies treibe Sowjetrussland in Abwehrreaktionen hinein und beschwöre einen Atomkrieg in Europa herauf, warnte er. Die Bundesrepublik und ihren »überaus unsympathischen Kriegsminister Franz Josef Strauß« bat er zu überlegen, »dass die Sowjetunion vielleicht doch nicht ganz so bösartig ist, ... und vielleicht nicht ganz so unintelligent, dass sie sich nicht überlegte, ob sie Vorteil davon hätte, sich mit diesem unverdau lichen Brocken den Magen zu verderben«. – Albert Schweitzer (1875-1965) galt in Straßburg als wissenschaftliche Koryphäe, als er den Entschluss fasste, nach Afrika zu gehen, als hervorragender Bach-Kenner und evangelischer Theologe. Nebenbei war er ein guter Pianist, Organist und ideenreicher Komponist. In Lambarene im heutigen Gabun, wo er seit 1913 sein Urwaldhospital aufbaute, hat er weiter geforscht und publiziert. Aber er begriff schnell, dass es nicht auf abstrakte Wahrheiten ankommt, sondern darauf, »dass wir durch die Liebe allein in Gemeinschaft mit Gott gelangen können«. Als Universitätslehrer und Pfarrer habe er nur von der Liebe geredet – jetzt wolle er sie leben.

Sind das nur sentimentale Allgemeinplätze eines perfekten Gutmenschen, der sich bis heute als Schulpate eignet, aber zu den komplexen Problemen und Skandalen der globalisierten Welt wenig zu sagen hat? Seine Grundforderung – die Ehrfurcht vor dem Leben – klingt so schrecklich simpel, und sein zentraler Leitsatz hört sich nach altmodischer Philosophie an, aber nicht nach kritischer Politik: »Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.« Ethisch handelt nach Schweitzer ein Mensch erst dann, wenn er nicht nur seinesgleichen achtet, sondern »wenn ihm das Leben als solches, das der Pflanze und das des Tieres wie das des Menschen, heilig ist, und er sic

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