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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2015
Unter die Haut
Sechs Monate mit syrischen Flüchtlingen unter einem Dach
Der Inhalt:

Ohrenschmaus in der Kirche

von Sophie Ludewig vom 28.08.2015
Vogelgezwitscher, Meeresrauschen: Seit zehn Jahren lädt die Hörspielkirche in Federow zum Zuhören ein

Wer das Nationalparkdörfchen Federow bei Waren an der Müritz besucht, kommt auf seiner Erkundungstour unweigerlich an einer kleinen Backsteinkirche mit leuchtend gelb angestrichenen Vorbau vorbei. Jetzt im Sommer dringen nachmittags und abends gar wundersame Geräusche aus dem Gotteshaus: Meeresrauschen, Hufgetrappel, indianische Gesänge, das durchdringende Pfeifen einer Zugsirene oder das Heulen eines Werwolfs. Was geht dort vor? Ein Transparent verrät es: Dies ist die erste Hörspielkirche Deutschlands.

Hörspiele in einer Kirche? Wie funktioniert das denn? Wer eintritt, kann es mit eigenen Ohren erleben. Wenn der Gast sich auf eine der Kirchenbänke setzt und seinen Blick durch den Raum schweifen lässt, fallen ihm vermutlich zuerst die bunt bemalten Glasfenster hinter dem holzverzierten Altar auf. Die durchscheinende Sonne taucht die Wände, Bodenfliesen und Bänke in ein warmes rotes, gelbes und blaues Licht. Auf dem Altar stehen frische Sommerblumen, ein paar Kerzen wurden angezündet. Vor der ersten Bankreihe sind links und rechts zwei große Lautsprecher aufgestellt. Aus ihnen tönt gerade lautes Vogelgezwitscher.

Während eine angenehme Stimme erzählt, dass der Eichelhäher gerne andere Vögel nachahmt, Rotdrosseln am liebsten alle gleichzeitig singen und Dohlenpaare ein Leben lang zusammenbleiben, zischen über die Köpfe der Zuhörer drei freche Schwalben hinweg. Sie landen abwechselnd auf dem steinernen Taufbecken, der Kanzel oder den Fenstersimsen und stimmen aufgeregt in den Gesang aus den Lautsprechern ein. Nach einer Weile beruhigen sie sich und lauschen wie die anderen Besucher dem Hörspiel »Vogelstimmen im Wald«. Als das Heulen eines Waldkauzes ertönt, geht ein leises Lachen durch die Reihen – »Uh, schön schaurig!«, kichert eine Frau.

Nach einer Stunde ist der Ohrenschmaus vorbei, und ein freundlicher Mann mit Strohhut fragt die Besucher, ob es ihnen gefallen habe. Die einhellige Meinung lautet: »Ganz wunderbar!« Jens Franke lächelt zufrieden, drückt den Leuten beim Hinausgehen noch das Programmheft in die Hand. »Hoffentlich besuchen Sie uns bald wieder!« Vor zehn Jahren hat er gemeinsam mit dem Warener Pastor Leif Rother das Projekt aus der Taufe gehoben. Ein Freund hatte den Potsdamer Architekten auf die Federower Kirche aufmerksam gemacht, die damals einer Ruine glich. Aus Berlin kannte Jens Franke ein Projekt, bei dem Hörspiele in einem Planetarium liefen, u

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