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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2015
Unter die Haut
Sechs Monate mit syrischen Flüchtlingen unter einem Dach
Der Inhalt:

Der Letzte Brief (Vorsicht Satire!): Liebe Kollegen!

vom 28.08.2015

Ich sende euch per E-Mail liebe Grüße aus Hinterwipfel, wo wir vor sieben Minuten gut angekommen sind. Es ist ein kleiner Ort in den Alpen, lauschig, es gibt einen Lebensmittelladen und sonst nur Bauernhöfe. In der Stille der Berge können meine Frau, meine beiden Kinder und ich es uns wirklich gutgehen lassen. Ich habe sogar mein Handy etwas leiser gestellt, wundert euch also bitte nicht, wenn ich nicht immer sofort drangehe.

In aller Ruhe konnten wir auch schon unseren Plan für morgen festlegen: Um 8.43 Uhr besteigen wir unseren ersten Dreitausender für diesen Tag. Um 10.15 Uhr, wenn Ihr eure Videokonferenz beginnt, hoffe ich auf halber Höhe zu sein und klinke mich dann ein. Die Webcam ist in der Berghütte schon installiert. Ihr könnt mir den Vertrag für die Computerlieferung nach Saudi-Arabien im Laufe des Vormittags ruhig aufs iPad schicken. Wenn wir gegen 11.43 Uhr den Gipfel erreichen, haben wir dort fast 17 Minuten Zeit für eine ausgiebige Mittagspause. Da kann ich über den Vertrag schauen. Doch sendet ihn bitte pünktlich, denn wir marschieren zielstrebig zum nächsten Dreitausender weiter, damit die Kinder in der Schule was zum Erzählen haben.

Wenn Ihr das nicht schafft, gäbe es am Abend noch Luft zwischen dem Schwimmbad, unserem gemütlichen Abendessen und dem ersten Saunagang hätte ich auch noch zwölf Minuten. Ich kann mit den Scheichs bei Bedarf auch noch telefonieren, vielleicht übermorgen zwischen 10.19 und 10.34 Uhr. Dann muss meine Familie halt ein bisschen mit dem Bootfahren auf mich warten. Aber länger darf das Gespräch nicht dauern. Schließlich bin ich ja in den Urlaub gefahren, um Ruhe zu finden und etwas mit meiner Familie zu unternehmen.

Habt bitte auch die Lieferung von fünfzig PCs an die Bundesregierung im Blick. Gerade eben hat mich Thomas de Maizière angerufen und dringend um eine gute Spionagesicherung gebeten, von wegen NSA und so. Davon war bisher überhaupt nicht die Rede! Wir werden alles neu entwickeln müssen. Wenn Ihr damit nicht zurechtkommt, setzen wir noch eine Besprechung an. Übermorgen ginge es zwischen 14.19 und 14.33 Uhr, nach der Bootsfahrt; dann fahren wir noch schnell auf die Wetterspitze und ich kann euch das schöne Alpenpanorama mit einem Foto von meiner Familie präsentieren.

Viele Grüße aus dem Urlaub!

Euer Chef

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