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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2015
Unter die Haut
Sechs Monate mit syrischen Flüchtlingen unter einem Dach
Der Inhalt:

NACHGEFRAGT: Dürfen die Evangelischen Luther feiern?

von Daniel Staffen-Quandt vom 28.08.2015
Fragen an Josef Schuster, den Präsidenten des Zentralrats der Juden, zum Antisemitismus des Reformators

Publik-Forum: Martin Luther hat gegen Juden gehetzt und zu deren Vertreibung aufgerufen. Dürfen die Evangelischen da guten Gewissens 500 Jahre Reformation feiern?

Josef Schuster: Das Jubiläumsjahr 2017 trägt ja wohlweislich den Namen Reformationsjahr und nicht Lutherjahr. Die Reformation hat für die evangelischen Christen weltweit eine große Bedeutung – und Luther hat sie angestoßen. Dass es in der Spätphase von Luthers Werk aber Aussagen gab, die man nur als antisemitisch bezeichnen kann, ist unzweifelhaft. Wie die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) damit umgeht, ist richtig: Sie bekennt sich auch zu diesem Teil des Lutherschen Wirkens – indem sie es ablehnt.

Fakt jedenfalls ist, dass Luther zum Anzünden von Synagogen aufgerufen hat …

Schuster: … und das kann man nicht einfach wegdiskutieren. Mein Eindruck ist, dass die EKD das aber auch nicht tut. Der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm hat mehrfach in öffentlichen Statements und auch in persönlichen Gesprächen mit mir sehr klar zum Ausdruck gebracht, dass diese Aussagen Luthers völlig inakzeptabel sind. Und so wie ich den Rat der EKD verstanden habe, wird es dazu auch eine Stellungnahme im Reformationsjahr geben.

Die »Deutschen Christen« haben sich auf Luthers Antisemitismus berufen. Was muss da noch alles an Aufarbeitung geschehen?

Schuster: Wir müssen jetzt zum Reforma tionsjahr nicht jede Facette dessen, was es in der NS-Zeit an antisemitischen Äußerungen und Handlungen in der evangelischen Kirche gegeben hat, herausarbeiten. Aber wenn sich zum Beispiel herausstellt, dass Amts- und Würdenträger aktiv im »Entjudungsinstitut« der »Deutschen Christen« mitgearbeitet haben, dann erwarte ich von der evangelischen Kirche ein Wort der Verantwortung und der Entschuldigung.

Sie erwarten eine Abgrenzung der Amtskirchen zu evangelikalen Christen. Wegen deren Unterstützung der Judenmission?

Schuster: Ja, genau. Ich erwarte, dass sich die evangelische Kirche deutlich so positioniert, dass sie ihren Missionierungsauftrag nicht gegenüber den Juden sieht. Und zwar nicht nur wegen der deutschen Geschichte, sondern vor allem wegen der jüdischen Wurzeln des Christentums.

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