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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2012
Mordshunger
Die Würde des Tieres ist antastbar
Der Inhalt:

Was eigentlich sind Schulden?

von Wolf-Gero Reichert vom 24.08.2012
Der Occupy-Vordenker David Graeber eröffnet einen neuen Blick auf eine alte Frage. Sein Buch »Schulden – die ersten 5000 Jahre« ist ein Plädoyer für einen Erlass aus moralischen Gründen

Viele in Europa bezweifeln, dass die Regierung in Athen ernsthaft versucht zu sparen. Daraus folgern nicht nur Zeitungskommentatoren: Wenn Griechenland seine Schulden nicht bezahlen will, hat es sein Recht verspielt, Mitglied des Euro-Clubs zu sein! Glaubt man David Graeber, hat jemand, der so spricht, keine Ahnung davon, was Schulden eigentlich sind. Was also sind Schulden?

David Graeber wurde bekannt als Vordenker der Occupy-Bewegung. Deren Motto lautet: »Da sein, um Fragen zu stellen.« Occupy-Aktivisten besetzen den öffentlichen Raum, um ihn als Ort des Diskurses von den vermeintlich geschlossenen Eliten »zurückzuerobern«. Graeber ist jedoch auch Dozent für Ethnologie an der London University. Er erforscht, wie Menschen als soziale Wesen in unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlichen Kulturen miteinander leben. Er ist es also gewohnt, Antworten zu geben. So auch in seinem Buch »Schulden – die ersten 5000 Jahre«, das vergangenes Jahr in New York erschien und in Deutschland mittlerweile in der siebten Auflage erhältlich ist. Darin antwortet er auf Fragen wie: Weshalb wurde im China des 14. Jahrhunderts das Papiergeld abgeschafft? Und was hatte Hernán Cortés’ grausame Eroberung von Mexiko mit der inneren Logik heutiger Aktiengesellschaften gemein?

Graeber präsentiert eine solche Fülle an Material, das sich über die »ersten 5000 Jahre« der Menschheit erstreckt, dass man leicht den Überblick verliert. Sein Stil ist eher assoziativ denn argumentativ. Sein Verdienst: Er stellt die Frage nach den Schulden auf eine Art, die jeden Ökonomen erstaunen muss. Hinter der Materialfülle zeigt sich eine eigene Sozialtheorie. Sie besagt: Es gibt weder Geld noch Schulden als solche. Schulden sind nichts anderes als versachlichte und in Zahlen ausgedrückte Abhängigkeitsbeziehungen.

Hintergründiges zur aktuellen Krise

Damit ermöglicht Graeber einen Blick über die kurzatmige Krisenrhetorik hinaus. Er entlarvt die derzeit dominanten Positionen als zwei Spielarten desselben Missverständnisses: Aus der derzeitigen Situation heraus führt weder mehr Markt, wie es die Anhänger einer liberalen Marktlogik hoffen, noch mehr Staat, wie die Befürworter einer interventionistischen Staatslogik behaupten. Graeber zeigt, dass der vermeintliche Gegensatz zwei Seiten einer einzigen Medaille sind: Staat

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