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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2012
Mordshunger
Die Würde des Tieres ist antastbar
Der Inhalt:

Schule ohne Stacheldraht

von Rayna Breuer vom 24.08.2012
In Bosnien-Herzegowina werden christliche und muslimische Schüler noch immer streng getrennt. In Kotorsko ist das anders

Es ist kurz vor neun Uhr, in der Schule von Kotorsko hat die große Pause begonnen. Nach langem Regen ist nun endlich bestes Fußballwetter. Schnell formieren sich auf dem Schulhof zwei Teams. An Fans mangelt es nicht, und auch der Geschichtslehrer Radovan Toprek feuert die Jungs an. »Erkennen Sie etwa, wer hier Serbe, Kroate oder Bosniake ist? Ich nicht. Die Kinder sind alle gleich und spielen alle gleich gut«, sagt er. Dass Kinder aller Ethnien auf dem Schulhof zusammen Fußball spielen wie hier in Kotorsko im Norden des Landes, ist in Bosnien-Herzegowina 17 Jahre nach Ende des Krieges noch immer die Ausnahme.

Äpfel könne man nicht mit Birnen mischen, erklärte die Bildungsministerin des Zentralbosnischen Kantons – und meinte damit die unterschiedlichen Ethnien im Land. Die offizielle Politik in Regionen, die von unterschiedlichen Ethnien bewohnt werden, heißt deshalb »zwei Schulen unter einem Dach«. 52 solcher Schulen gibt es in der Föderation. Die Schüler werden dort streng nach Ethnien in verschiedene Klassen aufgeteilt, auf manchen Schulhöfen sind die einzelnen Eingänge sogar durch Zäune und Stacheldraht getrennt. In Bosnien-Herzegowina, wo mehrheitlich Katholiken und Muslime leben, werden die Schulen so zum Ausdruck einer gespaltenen Gesellschaft.

Kotorsko liegt in der Verwaltung der Republika Srpska. Hier leben 1500 Bosniaken, also Muslime, und 500 Serben. Eine Fabrik, die Bekleidung für namhafte ausländische Firmen schneidert, sichert die Existenz von etwa dreißig Familien. Die anderen verbringen ihren Alltag in den Cafés und auf den provisorisch aufgestellten Bänken vor den Kiosken. Fast jeder Zweite in Bosnien-Herzegowina ist arbeitslos. Eine Autobahn trennt den serbisch-orthodoxen vom muslimischen Teil des Dorfes. »Wir sind wir, und die sind die«, sagt Fuad, Bosniak und Vater zweier Kinder. »Der Krieg hat uns in diese zwei Kategorien geteilt.«

Doch die Schule in Kotorsko geht andere Wege. Es ist ein relativ modernes, 2003 renoviertes Gebäude. 180 Schüler besuchen hier den Unterricht, 60 davon sind Serben. An bunten Klassenzimmerwänden hängen Bilder von Weihnachten und von Bajram, dem islamischen Opferfest. Bemerkenswerterweise bleiben die Kinder auch im Religionsunterricht zusammen.

Einmal in der Woche kommen Lamija Mehmedic, Lehrerin für Islamkunde, und der orthodoxe Priester Radenko Todorovic in die Schule. »Vor allem wir Rel

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