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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2011
Auf Leben und Tod
Streit um die Organspende
Der Inhalt:

Halbkreis, Strich, Halbkreis, Strich

von Kristin Oeing vom 23.08.2011
Was verraten seine Bilder über Adolf Beutler? Er selbst sagt selten ein Wort. Der 75-jährige preisgekrönte Künstler gilt als Autist

Weitermalen«, wispert Adolf Beutler, »weitermalen«. Die Finger seiner rechten Hand umschließen den blauen Buntstift fest. Er drückt ihn auf das Papier, malt einen Halbkreis, an dessen unterem Ende er rechtwinklig einen Strich zieht. Immer wieder. Wie automatisch. Stunde um Stunde. Die Sonne scheint durch das Fenster und wandert langsam über seinen Rücken, während die Spitze des Stiftes feine Rillen auf dem Papier hinterlässt. Halbkreis, Strich. Halbkreis, Strich.

In drei kleinen Räumen befindet sich die Kunstwerkstatt, die zu den Mosaik-Werkstätten für Behinderte gGmbH gehört. Zwei Staffeleien rahmen den Arbeitsplatz des 75-jährigen Künstlers ein. »Blau«, sagt Adolf Beutler, hebt einen Holzklotz hoch und zeigt auf ein Netzwerk von blauen Linien, »blau«. Er dreht den Klotz in der Hand, begutachtet ihn von allen Seiten. Plötzlich hält er inne, verharrt zwei Sekunden und malt einen weiteren Strich auf das raue Holz. Dann legt er den Klotz zurück. Er verschiebt ihn einen Zentimeter, bis er exakt an seinem alten Platz liegt, rechtwinklig zu den anderen Gegenständen auf dem Tisch.

Ob er schon als Kind malte, weiß niemand. Und Adolf Beutler schweigt. Der Berliner wurde 1935 geboren, überlebte trotz Euthanasie den Nationalsozialismus und wurde im Alter von zwölf Jahren in die Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik eingeliefert, in der er die nächsten 42 Jahre als geistig Behinderter unter psychisch kranken Menschen lebte. Erst Ende der 1980er-Jahre wurde diese Station aufgelöst, und Adolf Beutler durfte in eine betreute Wohngemeinschaft ziehen. Über seine Familie ist nichts bekannt, lediglich Gerüchte besagen, er hätte zwölf Geschwister.

Seit 1989 arbeitet Adolf Beutler in den Mosaik-Werkstätten, zunächst in der Industriemontage. Doch er verstand nicht oder wollte nicht das tun, was man ihm auftrug. Viel lieber malte er. Er nahm sich Papierschnitzel und zeichnete Striche darauf. Muster. Kleine Kunstwerke. Die Betreuer ließen ihn gewähren.

»Eines Tages, im Jahr 1996, stand er dann bei uns im Atelier«, sagt Nina Pfannenstiel, künstlerische Leiterin der Kunstwerkstatt. Immer wieder schlich er sich nach oben. »Sie haben versucht, ihn unten festzuhalten«, beschreibt die Kulturpädagogin, »aber er war hartnäckig. Und dann malte er und hörte nicht mehr auf.«

Auf Papier, Pappe, Holzbl

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