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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2018
Himmlische Klänge
Musik als spirituelle Kraft der Religionen
Der Inhalt:

Die Einsamkeit des Daniel Ortega

von Toni Keppeler vom 10.08.2018
Wie Nicaraguas Präsident vom einstigen Revolutionär und Volkshelden zum autokratischen Herrscher wurde – und wie die katholische Kirche auf diesem Weg immer wieder die Seite gewechselt hat

Daniel Ortega spielt auf Zeit. Bald vier Monate dauern die Proteste gegen den Präsidenten Nicaraguas schon an. Mehr als 300 Menschen sind getötet worden, die allermeisten von Sicherheitskräften oder Paramilitärs, die der Regierung nahestehen. Ortega scheint darauf zu setzen, dass die Massendemonstrationen, die seinen Rücktritt fordern, erst kleiner werden und dann ganz verschwinden. Tatsächlich ist die Zahl der Teilnehmer deutlich zurückgegangen. Barrikaden und Straßensperren, die überall im Land errichtet worden waren, hatte der Präsident schon im Vorfeld des 39. Jahrestags der sandinistischen Revolution am 19. Juli gewaltsam räumen lassen. Wer hätte gedacht, dass ein Mann, der einmal für eine Revolution stand, die in Europa bis weit hinein in christliche Kreise Begeisterung hervorgerufen hatte, einmal mit dem Diktator Anastasio Somoza verglichen würde – dem Mann, an dessen Sturz er vor bald vierzig Jahren beteiligt war?

Sicher, man weiß schon lange, dass Daniel Ortega keine reine Lichtgestalt war. Man kannte die Geschichten von der sogenannten Piñata, der vom Volksmund nach einem Kindergeburtstagsspiel benannten Selbstbereicherung der sandinistischen Funktionäre nach der Wahlniederlage von 1990. Man wusste, dass Ortega mögliche innerparteiliche Rivalen mit widerlichen Schmutzkampagnen aus dem Weg geräumt hatte. Selbst ehemalige sandinistische Ikonen wie der Dichter-Priester Ernesto Cardenal haben in den 1990er-Jahren die sandinistische Befreiungsfront FSLN tief enttäuscht verlassen. Man weiß auch, dass Zoilamérica Narváez ihrem Stiefvater Ortega vorgeworfen hat, er habe sie seit ihrem 13. Lebensjahr sexuell missbraucht.

Trotz allem war bis zuletzt etwas geblieben vom Zauber der Revolution. Nicaragua war ein armes Land voller freundlicher Menschen. Abends verbarrikadierten sie sich nicht in von Mauern und Gittern geschützten Häusern, wie man es in El Salvador, Guatemala oder Honduras tut. Sie stellten, wenn es kühler wurde, ihre Schaukelstühle auf den Bürgersteig und plauderten mit den Nachbarn. Nicaragua war ein für zentralamerikanische Verhältnisse sehr sicheres Land. Die Universitätsstadt León wurde noch zwei Wochen vor dem Beginn der Proteste von der US-amerikanischen Zeitschrift Forbes zur lohnendsten Tourismus-Destination Lateinamerikas erklärt.

Viele haben deshalb lange darüber hinweggesehen, dass an der Spitze dieses Landes ein immer selbstherrlicherer Re

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