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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2012
Erotisches Begehren
Die Sehnsüchte der Menschen und die katholische Sexualmoral
Der Inhalt:

Kein Käfig der Moral

von Norbert Copray vom 10.08.2012
Tugenden entfalten sich nur dort, wo Menschen Liebe erfahren

Eugen Drewermann Die sieben Tugenden Patmos. 298 Seiten. 19,90 €

Tugenden sind sehr im Schwange. Anständig wirtschaften ist ebenso anspruchsvoll geworden wie anständig Politik treiben und anständig die Kirche führen. Finanzkrise, Politikverdrossenheit und Kirchenerosion sind die Folgen gewohnheitsmäßig üblen Verhaltens, dem keine Finte, keine Intrige und keine Selbstbereicherung zu abwegig erscheint. Wo es aber an Tugend mangelt – braucht es da nicht Morallehre, gar kirchliche Moralpredigt? Weit gefehlt.

Eugen Drewermann zeigt in seinem Buch, wie sehr eine Tugendlehre zu kurz greift, die dazu ermahnt, sich zusammenzureißen und anständig zu verhalten. Sie führt den Menschen im Grunde immer tiefer in das Dilemma, das der Apostel Paulus mit den Worten charakterisierte: Ich will das Gute und tue doch das Böse.

Der renommierte Theologe Drewermann, der als Therapeut und Schriftsteller arbeitet, versteht Tugenden anthropologisch, nicht moralisch, therapeutisch und nicht pädagogisch. Aus den drei wichtigsten christlichen Tugenden – Glaube, Hoffnung und Liebe – seien moralisch-kirchlich-bürgerlich Gehorsam, Treue und Pflicht geworden. Mit verhängnisvollen Folgen, wie ein Blick in die deutsche Geschichte zeigt. In sieben Reflexionen holt Drewermann die Tugenden aus dem Kontext der Moral heraus. Das zu einem staatstragenden Moralkodex degenerierte Christentum löst er aus der kirchlichen Umklammerung, die Menschen aus kirchlich-moralischer Bevormundung heraus. Niemals, so Drewermann, habe Jesus an einen Gott geglaubt, der einen Verlorenen fallen lassen würde. »Wo immer ein Mensch etwas tut, das nach der Nomenklatur der Ethik als ›böse‹ bezeichnet werden muss, handelt es sich um das Symptom einer seelischen Erkrankung.«

Ein Mensch könne, auch in der Tradition Martin Luthers, »nur so gut sein, wie er an Güte erfahren hat; wenn er zum Guten fähig ist, so einzig aus ›Gnade‹«. Nur im Vertrauen auf eine bedingungslose Liebe könne ein Mensch jenseits von Angst und Minderwertigkeitsgefühlen zu sich selbst finden. Insofern versteht Drewermann Tugenden als »Ausdruck der Selbstidentität des Individuums«, die nicht eigene Anstrengung, sondern »Vertrauen in die unbedingte Liebe eines anderen« zur Voraussetzung hat.

Drewermann deutet die Tugenden Glaube, Hoffnung, Liebe, Weisheit, Mut, Mäßigung und Gerech

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