Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2012
Erotisches Begehren
Die Sehnsüchte der Menschen und die katholische Sexualmoral
Der Inhalt:

Gewalt ist für Angsthasen

von Barbara Brüning vom 10.08.2012
Charly Graf war einst der »deutsche Ali«, dann saß er zehn Jahre im Gefängnis. Heute bringt er Kindern Boxen bei

Eigentlich müsste ich jetzt mit einer Gruppe von Schülern boxen üben. Aber heute machen sie einen Ausflug mit ihrer Klasse, und ich bin umsonst gekommen. Macht aber nichts. Da haben wir Zeit, in ein Café zu gehen.

In diese Schule bin ich selbst gegangen: eine Hauptschule in Mannheim. Ich war das Kind eines schwarzen amerikanischen Besatzungssoldaten, den ich nie kennengelernt habe, weil er in die USA zurückgeflogen ist. Ich lebte allein mit meiner Mutter in einer berüchtigten Barackensiedlung. Da habe ich mich ständig geprügelt, weil ich als schwarzer Junge so oft ausgelacht und fertiggemacht wurde. »Mama, hast du keine weiße Salbe, damit ich mein Gesicht weiß machen kann?«, habe ich damals gefragt. Heute arbeite ich hier mit den Jugendlichen und auch in Brennpunktschulen und Kinderheimen. Da sind dann Kinder, die ebenfalls jede Menge Erfahrung mit Gewalt haben – und sich das Leben gar nicht vorstellen können ohne.

Tja, was sage ich denen? Gewalt ist was für Angsthasen, sage ich. Am Anfang gucken sie dann groß. Aber sie wissen genau, dass ich recht habe, und ich weiß es auch, weil ich oft zugeschlagen habe: Wer zuschlägt, hat Angst, dass andere die eigene Schwäche sehen könnten, dass sie das ängstliche Kind hinter der Fassade erkennen könnten. Für die Kinder und Jugendlichen ist es wichtig, dass ich darüber rede und zugebe, dass ich selbst schwach bin und schwach war. Dann werden sie auch mutig und können aus sich rausgehen. Wichtig ist, dass einer wie ich denen sagt: Gewalt ist was für Idioten. Das haben sie vorher noch nicht gehört. Ich sage ihnen: Jungs, ihr seid stark, aber es gehört mehr Stärke dazu, sich umzudrehen und wegzugehen.

Den Jungs aus den sozialen Brennpunkten ist schon klar, dass das nicht das Richtige ist, so wie sie leben. Sie wissen, dass es nicht richtig ist, dass der Vater den ganzen Tag zu Hause sitzt und dass er trinkt. Ich bin hier aufgewachsen. Ich kenne das alles. Hier habe ich meine Boxerkarriere gestartet, war 1985 deutscher Meister im Schwergewicht. Zeitweise wurde ich als »deutscher Ali« gefeiert. Aber dann bin ich abgeglitten, habe über zehn Jahre im Gefängnis gesessen: wegen Körperverletzung, Glücksspiel, Zuhälterei. Wenn ich heute noch mal von vorne anfangen könnte, würde ich lernen, lernen, lernen. Aber das habe ich viel zu spät eingesehen.

Im Gefängnis habe ich den ehemaligen RAF-Terroristen Peter-Jürgen

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen