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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2012
Erotisches Begehren
Die Sehnsüchte der Menschen und die katholische Sexualmoral
Der Inhalt:

Falsche Werte

von Bernhard Clasen vom 10.08.2012
Russlands orthodoxe Kirche hält zur Staatsmacht – und spaltet damit die Nation. Doch an der Kirchenbasis wächst die Kritik

Ich habe Christinnen und Christen in der Russisch-Orthodoxen Kirche kennengelernt, die eine für uns geradezu provozierende Ehrfurcht vor dem Glauben und dem Leben haben«, erklärte vor wenigen Tagen Eddi Erlemann, ein katholischer Priester aus Mönchengladbach, nach seiner Rückkehr von einem Treffen mit russisch-orthodoxen Gläubigen im fernen Osten des Landes.

»Heute zählen in Russland nur noch Geld, schöne Kleider und schnelle Autos«, sagt eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die regelmäßig größere Summen an die Kirche spendet, gegenüber Publik-Forum. »Die Werte, die wir im Kommunismus hatten, waren zwar häufig falsche Werte, aber wir hatten im Kommunismus wenigstens noch den Glauben an nichtmaterielle Werte. Wenn es heute nicht die Kirche gäbe, ständen wir völlig ohne Werte da.«

Die Frau steht mit ihrer Haltung nicht allein. Ein Blick in eine orthodoxe Kirche in Russland zeigt: Zu jeder beliebigen Tageszeit finden sich hier Menschen aller Altersgruppen, die in großer Andacht beten, ihre Anliegen stumm vor sich hin flüstern, ehrfürchtig die Ikonen berühren. Doch auch unter den Gläubigen wächst die Kritik an der Kirche. Denn die hat inzwischen eine Machtfülle, wie sie sie als Staatskirche nur unter den Zaren hatte. Auch Staatspräsident Wladimir Putin lässt sich gerne mit einer Kerze in der Hand beim Gottesdienst filmen.

Russlands orthodoxe Kirche polarisiert. Es sind vor allem Positionen und Verhaltensweisen, die mit dem eigentlichen Glauben nichts zu tun haben, von denen sich viele Menschen provoziert fühlen. Wer in der offiziellen Russisch-Orthodoxen Kirche einen Bündnispartner sucht, der sich für die unter dem heutigen kapitalistischen Russland, der Finanzkrise, den Nationalitätenkonflikten und zunehmenden Übergriffen des Staates leidenden Bürger einsetzt, sieht sich schnell getäuscht.

Auch die wachsenden Einschränkungen der bürgerlichen Freiheiten durch den Staat werden von den Kirchenoberen mitgetragen. Während Menschenrechtsorganisationen heftig ein kürzlich beschlossenes Gesetz kritisieren, das russische Organisationen, die auch aus dem Ausland Gelder erhalten, als »ausländische Agenten« wertet, stellt sich Russlands orthodoxe Kirche hinter das umstrittene Gesetz. Auch sie erhält Geld aus dem Ausland, ist jedoch von dieser Vorschrift ausdrücklich ausgenommen.

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