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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2012
Erotisches Begehren
Die Sehnsüchte der Menschen und die katholische Sexualmoral
Der Inhalt:

Der Globus neben dem Wein

von Hartmut Meesmann vom 10.08.2012
Die Initiative »Reich Gottes – jetzt« glaubt an den Himmel auf Erden. Sie feiert diesen Glauben in einem eigenen Gottesdienst

Auf dem mit einem weißen Tischtuch ausgelegten Altar liegt ein großer Laib Brot, umrahmt von sechs Karaffen Wasser und einem erleuchten Globus. Etwa achtzig Frauen und Männer sind an diesem Freitagabend in die evangelische Jakobskirche in der City von Nürnberg gekommen, um miteinander zu singen und zu beten. Sie feiern einen »Reich-Gottes-Gottesdienst«. »Seht, Gottes Reich ist schon da in unserer Welt«, heißt es in einem der Lieder, »ihr braucht nicht länger zu suchen; sein Reich, das ist doch schon lange Wirklichkeit.« Und im Glaubensbekenntnis, formuliert nach dem Schriftsteller und katholischen Priester Wilhelm Willms, sprechen alle: »Ich glaube, dass die Erde so angelegt ist, dass sie zum Himmel für alle werden kann.«

Dann gehen die Gottesdienstbesucher vor ins Kirchenschiff. Sie setzen sich um zwei Tische, die mit Brot, Früchten, Wein und Wasser gedeckt sind. Claus Petersen, ein hagerer, asketisch wirkender Mann mit randloser Brille, ehemals evangelischer Pfarrer, beschwört die Besucher in einer kleinen Ansprache, dass die Welt trotz aller Entfremdung »heilig sei, göttlich«. Die »heile Welt« sei die eigentliche Welt, die, folge man den Worten Jesu von Nazareth, mit kindlichem Vertrauen angenommen werden könne. »Die harten Realitäten der Welt bleiben uns fremd, wir stehen ihnen nur gegenüber.«

Dann lädt Petersen alle ein, aufeinander zuzugehen, das Brot, das Wasser und den Wein zu teilen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Denn: »An diesem Tisch geht uns die Welt neu auf.« Es ist eine Welt des Friedens, des solidarischen Miteinanders, der Gerechtigkeit und eines verantwortlichen Umgangs mit der Schöpfung. Die munteren bis zaghaften Begegnungen der Gottesdienstbesucher – es sind auch eine Reihe »Neulinge« dabei – werden untermalt von Gitarren- und Saxofonklängen eines musikalischen Duos.

Dreimal im Jahr findet ein solcher Reich-Gottes-Gottesdienst in der Nürnberger Jakobskirche statt: seit gut zwei Jahren als offizielles Angebot der evangelischen Stadtkirche zusammen mit der Ökumenischen Initiative Reich Gottes – jetzt. Davor, über acht Jahre, war die Initiative allein für diese Gottesdienste verantwortlich. Denn zunächst witterte die Kirchenleitung eine Irrlehre: Kommt das »Reich Gottes« letztlich nicht doch erst mit dem Wiederkommen Christi, am Ende der Zeiten also? So wurde kritisch gefragt.

Claus Pet

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