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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2019
Homosexualität und Kirche
Wo ist das Problem?
Der Inhalt:

Eine Auslegung der neutestamentlichen Stellen

von Martin Ebner vom 26.07.2019

Die Vorstellung von Homosexualität im Sinne einer einvernehmlich gestalteten Beziehung steht in der Antike nicht zur Debatte. Aussagen zum gleichgeschlechtlichen Sex finden sich im gesamten Neuen Testament nur und einzig in den Paulusbriefen. Selbst das Matthäusevangelium, nach dem sogar die kleinsten Gebote des jüdischen Gesetzes einzuhalten sind (vergleiche Mt 23,23), verliert kein einziges Wort darüber. Im Gegenteil. Gemäß Mt 25,31-46 kann man sich darauf verlassen: Nach der sexuellen Orientierung wird im Letzten Gericht nicht gefragt. Bedeutsam ist allein, ob ich für Menschen in Not ein Herz hatte und barmherzig zu anderen war. Danach entscheidet sich alles, oft zur Überraschung derer, die sich bis dahin für »gerecht« gehalten haben. Also: Zu sagen, das Neue Testament verbiete gleichgeschlechtlichen Sex, entspricht nicht den Tatsachen.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 14/2019 vom 26.07.2019, Seite 33
Homosexualität und Kirche
Homosexualität und Kirche
Wo ist das Problem?

Sogar bei Paulus kommt das Thema »gleichgeschlechtlicher Sex« nur in ganz kurzen Nebenbemerkungen vor. Sein großes Anliegen ist die Aufhebung der religiös wie gesellschaftlich vorgegebenen Grenzziehungen – in den Reihen der auf Christus Getauften. Plakativ und plastisch formuliert er im Galaterbrief: »Alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angezogen. Da gibt es nicht mehr Jude noch Grieche, nicht mehr Freier noch Sklave, nicht mehr männlich und weiblich. Alle seid ihr ein einziger in Christus.« (Gal 3,27f.)

Wie aber verhält sich dazu, was Paulus im Römerbrief über gleichgeschlechtlichen Sex schreibt? Dort heißt es gleich zu Beginn: »Darum lieferte Gott sie (die Menschen) an die Leidenschaften der Unehre aus, denn die Weiblichen von ihnen vertauschten den natürlichen Gebrauch (= sexueller Verkehr) mit dem gegen die Natur, ebenso entbrannten auch die Männlichen, die vom natürlichen Gebrauch mit Weiblichen abließen, in ihrem Verlangen nacheinander, indem Männliche mit Männlichen die Schande bewirken – und die Vergeltung, die für ihre Verirrung nötig ist, durch sich selbst empfangen.« (Röm 1,26-27)

Zunächst fällt die Pauschalität der Aussagen auf. Die Sätze klingen so, als würden sich schlechthin alle Frauen und alle Männer so verhalten. Das kommt daher, dass Paulus, ein griechisch gebildeter Jude, diesen Vorwurf der frühjüdischen Weisheitsliteratur entnimmt – samt dem dazugehörigen Argumentationsmuster: Falsches Verhalten resultiert aus falscher Gottesverehrung. Im Buch der Weisheit (14,27) heißt es lapidar: »Die Verehrung der namenlosen Götzenbilder ist aller Übel Anfang, Ursache und Höhepunkt.« »Falscher« Sex ist in diesem Horizont eines von vielen Symptomen, die aus falscher Gottesverehrung resultieren. Aber eben nur eines. Paulus weiß weitere zu nennen, etwa Neid, Mord und Hinterlist genauso wie Intrige (die Einheitsübersetzung spricht von »Ohrenbläsern«), Denunziation (»Verleumder«) oder Unbarmherzigkeit (vergleiche Brief des Paulus an die Römer 1,29-31). Es geht also um typische Vorwürfe gegen Heiden. Und darum, sich von ihnen abzusetzen – nach dem Motto: So sind wir nicht.

Im Römerbrief setzt Paulus diese Schablone ein, aber in seiner Argumentation dreht er den Spieß um. Nicht: Wir Juden sind ganz anders als die Heiden. Sondern: Auch wir Juden, obwohl wir Gottes gute Weisung in unseren Händen haben, verfehlen uns – genauso wie die Heiden. Wir sind nicht besser als sie – und deshalb auf das gleiche Entgegenkommen Gottes angewiesen wie sie. Keineswegs will Paulus die anderen stigmatisieren. Dieser Eindruck entsteht nur, wenn man die Stelle isoliert liest. Paulus will vielmehr die eigenen Leute zum Nachdenken bringen und ihnen sagen: Seid nicht so arrogant! Ihr seid um keinen Deut besser als diejenigen, über die ihr die Nase rümpft.

Im ersten Korintherbrief folgt ein richtiger Rundumschlag.

»Wisst ihr nicht, dass Ungerechte Gottes Reich nicht erben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzenanbeter noch Ehebrecher noch Weichlinge (EÜ: Lustknaben) noch Männerbeischläfer (EÜ: Knabenschänder) noch Diebe noch Habsüchtige noch Trinker noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes erben« (der erste Brief des Paulus an die Korinther 6,9-10).

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Der Weichling als passiver Partner des »Männerbeischläfers« (vgl. Lev 18,22) steht in einer Reihe mit Götzenanbetern, Ehebrechern, Habsüchtigen, Trinkern und Räubern. Pauschal und ohne jegliche Differenzierung heißt es von ihnen, dass sie das Reich Gottes nicht erben werden. Jedoch: Wer nicht nur diesen einen Satz herauspickt, sondern den Kontext mitliest, merkt schnell: Auch hier setzt Paulus das Abgrenzungsschema ein, allerdings für die (neu) getauften Christusgläubigen. Es soll ihnen zur Stabilisierung dienen: So waren wir einmal, so sind wir jetzt nicht mehr (vgl. 1 Kor 6,11). Und es soll zugleich Ansporn sein: So wollen wir nicht mehr sein. Ein Kapitel zuvor findet sich ein ähnlicher Lasterkatalog.

»In meinem Brief habe ich euch geschrieben, euch nicht mit Unzüchtigen zu vermischen. Nicht überhaupt mit (allen) Unzüchtigen dieser Welt …, sonst müsstet ihr ja gleich aus der Welt ausziehen. Nun aber schreibe ich euch, dass ihr euch nicht vermischen sollt, wenn sich einer Bruder nennt: sei es ein Unzüchtiger oder ein Habgieriger oder ein Götzenanbeter oder ein Lästerer oder ein Trinker oder ein Räuber. Mit einem solchen soll man nicht einmal essen« (1 Kor 5,9-11)!

Wer genauer hinschaut, dem wird auffallen, dass Paulus zu Beginn der Passage eine Korrektur ankündigt: In einem früheren Brief habe er etwas geschrieben, was so klingen könnte, als sollte sich die Gemeinde von allen Unzüchtigen dieser Welt absetzen. Nein, schreibt Paulus, das habe er nicht gemeint … Manche Exegeten vermuten, dass die Passage des Vorgängerbriefs, dessen Aussagen Paulus hier korrigiert, in den zuerst zitierten Zeilen 1 Kor 6,9-10 enthalten ist (die einzelnen Briefe wurden von Paulusschülern später in dieser Reihenfolge zusammengestellt). Dann hätte Paulus einen Rückzieher gemacht – als Antwort auf Anfragen aus der Gemeinde. Hier hat Paulus also Leute in der Gemeinde im Blick. Wenn »Schwestern und Brüder« den aufgezählten Lastern frönen, dann soll man nicht einmal mit ihnen essen, schreibt Paulus hier. Allerdings: In diesem Lasterkatalog sucht man »Weichlinge« und »Männerbeischläfer« vergebens. Gab es die in der Gemeinde nicht? Sollte es sie nicht geben, obwohl sie da waren? Auf jeden Fall darf man ihnen, falls sie »Brüder« sind, die Tischgemeinschaft nicht ausschlagen.

Auffallend bleibt, wie ambivalent die Urteile des Paulus ausfallen: Seine eigentliche Vision, die Aufhebung aller gesellschaftlicher Merkmale, hält er nicht durch: Ist also am Ende der einerseits für die Neue Welt glühende, andererseits in anerzogenen Konventionen verhaftete Paulus selbst das Problem?

Der Hauptmann und sein Bube (Das Evangelium nach Lukas 7,10). Ein derart anrührendes Beispiel wie David und Jonathan findet sich im Neuen Testament nicht. Aber das Lukasevangelium erzählt im siebten Kapitel (1-10) von einem Hauptmann, der um das Leben seines Sklaven bangt. Jesus gegenüber nennt er ihn seinen »Buben« (griechisch pais). Lukas erzählt, er sei ihm »sehr entimos« gewesen; auf jeden Fall sehr wertvoll. Mehr sagt Lukas nicht. Mehr sollten auch wir nicht sagen. Wenn man jedoch bedenkt, dass der per Gesetz unverheiratete römische Militär zur Zeit des Lukas ein Stereotyp war, liegt der Gedanke an ein sehr vertrautes Verhältnis nahe. Und wie reagiert Jesus im Lukasevangelium? Als er mitbekommt, dass die Juden sich für den Hauptmann einsetzen, weil er sich ihnen gegenüber großzügig erwiesen hat, und seine (heidnischen) Freunde sagen, er würde Jesus zutrauen, allein durch die Vollmacht seines Wortes heilen zu können, da stellt Jesus diesen Hauptmann als ein Vorbild des Glaubens für Israel hin. Jesus inspiziert nicht sein Bett, sondern schaut auf sein Herz.

Fazit: Wer seine Sicht der Dinge in den Buchstaben des Neuen Testaments finden will, wird sie dort finden. In historisch-kritischer Lektüre jedoch behaupte ich: Wer seine Homophobie hinter Aussagen des Neuen Testaments verstecken möchte, hat zum falschen Buch gegriffen.