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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2016
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Der Inhalt:

Reformation am Rande: Der ungehörte Prophet

von Otto Betz vom 22.07.2016
Erasmus von Rotterdam stand den Reformideen Luthers nahe, versuchte aber die Einheit der Kirche zu wahren

Er war ein Weltbürger und Brückenbauer, ein herausragender Theologe und einer der gebildetsten Menschen seiner Zeit: Erasmus von Rotterdam (1466-1536). Theologisch stand er den Reformideen Luthers nahe, doch setzte er all seine Kräfte dafür ein, die Einheit der Kirche zu retten. Scharf griff er jene an, die allzu schnell zu den Waffen riefen. Als Luther 1517 seine Thesen formulierte, schrieb Erasmus sein Buch: »Querela Pacis« (Wehklage des Friedens). Darin erscheint der Frieden in Gestalt einer Frau, die darüber trauert, dass die Menschheit das letzte Quäntchen Verstand verspielt hat, unfähig ist, die widerstreitenden Positionen in ein harmonisches Gleichgewicht zu bringen.

Erasmus erinnert daran, dass der Mensch die Gabe der Sprache hat, dass er fähig ist zu Freundschaft und gegenseitigem Wohlwollen, zu Ausgleich bei Streit. Wie komme es dann, dass eine »unersättliche Kriegslust in die Herzen der Menschen« geraten ist? Wie könne es sein, dass die »Lehre Christi, die doch bei Weitem vortrefflicher ist als die Lehre der Natur, ihre Bekenner nicht von dem überzeugen kann, was sie ihnen am dringlichsten ans Herz legt«, nämlich Frieden und Wohlwollen? »Besitzen diese Leute noch ein menschliches Empfinden, die sich ununterbrochen in Zerwürfnissen, Zwisten und Kriegen verschreien, herumbalgen und befehden?«, fragt Erasmus.

Mit Schrecken nimmt er wahr, dass Priester mit Priestern und Bischöfe mit Bischöfen streiten. Dass »Possen und Haarspaltereien« ausreichen, um Krieg vom Zaun zu brechen. Es scheint eine »krankhafte Streitsucht« zu geben, pure Lust am Krieg: »Wo Gründe durchaus fehlen, erdichtet man einfach Kriegsursachen.«

Erasmus klagt die Kirche an, ihre Botschaft zu verraten. »Kirche bedeutet doch Vereinigung, Krieg dagegen Entzweiung.« Sein Appell: »Wie darf es einer wagen, zu jenem heiligen Tisch – diesem Sinnbild der Freundschaft – zum Friedensmahle heranzutreten, der gegen Christus einen Krieg anzettelt und sich anschickt, jene zu verderben, für deren Heil Christus gestorben ist, und das Blut jener zu verströmen, für die Christus sein Blut vergossen hat?«

Resigniert fragt er: »Hat Christus mit all seinen Geboten, Sakramenten und Symbolen gar nichts erreicht?« Die »Höllenmaschinen«, die Christen gegen andere Christen auffahren, erschrecken ihn. Schämt man sich nicht, »etwas ins Werk zu setzen, das Christus so sehr verabscheut hat«?

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