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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2010
Es reicht!
Sieben Gebote für eine ethische Revolution des Finanzwesens
Der Inhalt:

Die freie Seele

von Irene Leicht vom 23.07.2010
Marguerite Porètes mystische Radikalität hat die gelehrten Theologen und Kleriker zu sehr provoziert. Vor 700 Jahren stirbt sie auf dem Scheiterhaufen

Paris, Porte St. Antoine, 1. Juni 1310. Aus der Ferne schaue ich zu, wie an zwei Menschen das von der Inquisition verhängte Todesurteil vollstreckt wird. Sie sollen auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Ein Jude, den ich nicht kenne und von dem ich nichts weiß. Und meine Freundin Marguerite Porète. Das grausame Geschehen will mir das Herz brechen. Und doch bin ich zugleich gefasst. Meine Lebenserfahrung hat mich darin wachsen lassen, dem Schweren und Schrecklichen ins Auge zu sehen, ohne vollends daran zu zerbrechen. Es ist die Kraft der göttlichen Liebe, die den Tod überwindet. Sie hat mich in meinem Leben immer wieder gestärkt.

Früh habe ich geahnt, dass Marguerites Lebensweg so brutal enden würde. Ihre mystische Radikalität hat die gelehrten Theologen und Kleriker offensichtlich allzu sehr provoziert. Und überhaupt: Dass sie als Frau ein theologisches Lehrbuch verfasst hat, war wohl schon Provokation genug.

Doch der Reihe nach. Ich selbst heiße Marie und bin 55 Jahre alt. Seit bald zehn Jahren lebe ich in Paris. Marguerite kenne ich aus unseren gemeinsamen Zeiten in Valenciennes. Dort haben wir zu zweit eine kleine Beginengemeinschaft gebildet. Zu vielen anderen frommen Frauen und Männern aus der Stadt hatten wir gute Kontakte. Wir sind verschiedenen Arbeiten nachgegangen, um unseren Unterhalt zu sichern. Verbunden hat uns ein intensives geistliches Leben. Täglich hatten wir gemeinsame Gebetszeiten. Viel ausgetauscht haben wir uns über den dreieinigen Gott und sein Wirken an den Menschen. Und regelmäßig Predigten gehört, besonders bei den Franziskanern und Dominikanern.

Wir beide waren stadtbekannt. Menschen, die für Leib und Seele Hilfe suchten, kamen zu uns. Am lebhaftesten sind mir unsere gemeinsamen Aufführungen in Erinnerung. Ja, wir haben hin und wieder Theater gespielt. Andere Freundinnen haben mitgemacht. Marguerite hatte nämlich ein religiöses Buch verfasst mit dem Titel »Der Spiegel der einfachen Seelen«. Es handelt sich dabei um ein ziemlich umfangreiches Bühnenstück, aus dem wir zeitweise Passagen vorgetragen haben. Marguerite war die »Frau Liebe«. Ich selbst habe die Rolle der »Seele« übernommen. Die Freundin Madeleine hat den »Verstand« gespielt. Andere haben sich die übrigen Mitspielerinnen aufgeteilt, zum Beispiel »die heilige Kirche, die große«, »die heilige Kirche, die kleine« und »die Zuvorkommenheit«.

Das Theater

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