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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2015
Der Kult ums Essen
Ernährung zwischen Lebensstil und Religionsersatz
Der Inhalt:

»Ich gehe am Leben kaputt«

von Josefine Janert vom 10.07.2015
Bevor sie in den Untergrund ging, recherchierte Ulrike Meinhof über das Schicksal der Heimkinder. Thomas Nufer hat daraus ein Theaterstück gemacht

Zwei Frauen in einem Berliner Café. Scheu und unbeholfen ist die eine. Geradlinig, fast streng wirkt die andere. Sie übernimmt sofort das Zepter und treibt ihre Gesprächspartnerin in die Enge. Irene (Janine Quandt), ein ehemaliges Heimkind, trifft in dem Theaterstück von Thomas Nufer auf die Journalistin Ulrike Meinhof (Corinna Bilke), die Ende der 1960er-Jahre für einen Film Biografien von Menschen recherchiert, die ihre Kindheit in kirchlichen oder staatlichen Heimen verbracht haben.

Den Film – »Bambule« – gab es tatsächlich. Auch Interviews hat Meinhof dafür geführt. Doch die Begegnung mit Irene in einem Westberliner Café hat sich Thomas Nufer ausgedacht. Die 24-Jährige ist seine Kunstfigur, geformt anhand dessen, was in den vergangenen Jahren über die Menschenrechtsverletzungen in Heimen bekannt geworden ist. Dabei greift er vor allem auf die Erinnerungen von Regina Eppert zurück, die in das Dortmunder Vincenzheim für »schwer erziehbare« Mädchen eingewiesen wurde. Wie die Fantasiefigur Irene litt sie jahrelang unter den Schlägen und Demütigungen der Nonnen, der »unbarmherzigen Schwestern«, wie ihre Opfer sie nannten. Statt zu lernen, mussten sie unbezahlte Schwerstarbeit leisten.

Sie habe, gesteht Irene auf der Bühne, bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr ins Bett gemacht. Was sollte sie denn sonst tun? Die Nonnen schlossen abends die Toiletten ab. Und hätte Irene auf den Boden neben ihrem Bett uriniert, hätten sie sie gezwungen, es aufzulecken. Ulrike Meinhof nickt verständnisvoll: »Immer noch besser, als sich totprügeln zu lassen.«

»Heim.weh« heißt das Theaterstück von Thomas Nufer. Der fünfzigjährige Regisseur schrieb es im Auftrag des Fonds Heimerziehung, der die Opfer berät und Aufmerksamkeit für das Thema wecken will. Denn noch immer ist Missbrauch in Heimen ein aktuelles Thema. Erst 2013 ließ Brandenburg die Heime der Haasenburg GmbH schließen, nachdem Übergriffe auf Insassen bekannt geworden waren. Jugend liche hatten Körperverletzungen erlitten, waren stundenlang an Armen und Beinen fixiert worden.

Ebenso stark wie für diese Menschenrechtsverletzungen interessiert sich Nufer für die Geschichte von Ulrike Meinhof, die er für »die erste ernst zu nehmende Journalistin der Bundesrepublik« hält. Während es die meisten Bundesbürger in den 1960er-Jahren

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