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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2014
Wie kommt Gott ins Gehirn?
Die Erkenntnisse der Wissenschaft
Der Inhalt:

»Ich kann nur kämpfen oder abtreten«

von Susanne Stiefel vom 11.07.2014
Seit Jahrzehnten leidet Detlev Zander unter den Folgen der Misshandlungen, die er als Heimkind der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal erleben musste. Er verlor seine Familie und seinen Beruf. Nun hat er den Mut zu reden

Dieser Mann hat sich einen Panzer angelegt, um zu überleben. Ein beherrschtes Gesicht, in dem die schwarze Brille dominiert, schmale Lippen und ruhige Hände, die über den Aufruhr in seinem Inneren hinwegtäuschen sollen.

Jahrzehntelang hat Detlev Zander die Demütigungen und den Missbrauch aus seiner Zeit als Heimkind verkapselt in seinem Inneren wie einen giftigen Fremdkörper. Er hat die Schläge erfolgreich verdrängt, die Respektlosigkeit, unter der er im Hoffmannhaus der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal bei Stuttgart gelitten hat. Seine Überlebensstrategie funktionierte bis vor fünf Jahren. Dann brach die Kapsel auf, die Erinnerungen überschwemmten ihn klirrend klar und kalt. Und Detlev Zander brach zusammen. Er konnte nicht mehr schlafen, wurde krank, verlor seinen Job als Krankenpfleger, der Suizidversuch schlug fehl, und das traumatisierte Heimkind wusste: »Ich kann nur kämpfen oder abtreten.« Der 53-Jährige hat sich fürs Kämpfen entschieden und einen Anwalt genommen. Jetzt fordert er 1,3 Millionen Euro Schadenersatz für erlittenes Leid.

Uli Scheuffele hat sich geschworen, nie mehr einen Fuß nach Korntal zu setzen. Anfang der 1970er-Jahre hatte er Korntal geradezu erwählt. Genau dort, in der Evangelischen Brüdergemeinde, wollte der junge Mann, der aus religiösen Gründen den Kriegsdienst verweigerte, seinen Zivildienst ableisten. Doch was er erlebte, hat ihn vom Glauben abfallen lassen. Er wurde zu seinem Entsetzen vom damaligen Heimleiter Werner Bizer aufgefordert, »die Kinder doch mal ordentlich zu prügeln«. Die Erzieher dürften das ja nicht.

Der 62-jährige Uli Scheuffele ist ein beständiger Mann; seit 36 Jahren arbeitet er im selben Betrieb in Bietigheim, seit 25 Jahren ist er verheiratet, und was er sich vornimmt, pflegt er einzuhalten. Dass er nun an diesem sonnigen Sonntag zum ersten Mal nach vierzig Jahren das Hoffmannhaus in Korntal besucht, liegt an Detlev Zander. Uli Scheuffele kennt ihn aus seiner Zivildienstzeit als »schüchternen Jungen«, den er wegen seiner Brille scherzhaft »den Professor« nannte. »Es ist erschreckend, was ihm und vielen anderen Kindern damals dort angetan wurde«, sagt Scheuffele und zeigt auf den Fahrradkeller. Dort soll der Hausmeister Detlev Zander jahrelang missbraucht haben. Der Ex-Zivi will das Ex-Heimkind unterstützen.

Die Diakonie der Evang

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