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Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

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Am Anfang war die Trennung

Harmonie und Bindungen stehen im Trend der Zeit ganz oben. Warum es dringend notwendig ist, über das Gegenteil zu sprechen

Unser Leben beginnt mit Trennung. Und die Bewältigung bleibt eine lebenslang wiederkehrende Aufgabe. Diese Behauptung wird in unserer Zeit, in der Harmonie und Bindungen immer höher im Trend stehen, nicht gerade auf fruchtbaren Boden fallen. Und auch mit der Wissenschaft scheint sie auf den ersten Blick nicht Schritt zu halten. Denn in der entwicklungspsychologischen und auch medizinischen Forschung, die sich in den letzten Jahrzehnten immer intensiver mit den frühesten Anfängen des Lebens befasst, steht fest: Nicht nur der Fötus fühlt bereits mit allen Sinnen, auch der neugeborene Mensch baut von Anfang an aktiv Bindungen auf. Und von deren Qualität hängt bis ins Erwachsenenalter die Fähigkeit ab, Beziehungen zu gestalten. Doch gerade darum möchte ich mit dieser Hypothese die übliche Denkweise auf den Kopf stellen und die andere, oft tabuisierte Seite betrachten.

Dass Trennungen nicht nur schicksalhafte oder traumatische Ereignisse bleiben, sondern zu Erfahrungen werden, die sogar unsere Entwicklung fördern können, bedarf psychischer Arbeit, die mit dem Nachdenken verbunden ist. Nur wenn Trennung denkbar ist, ist sie integrierbar. Wie ist das zu verstehen? Unser Leben beginnt mit einer Trennung, sobald die Nabelschnur zwischen Mutter und Neugeborenem nicht mehr pulsiert und das Kind mit eigenen Kräften zu atmen beginnt. Dieses Ereignis, vorwiegend an angeborene Reflexe und Auslösemechanismen gebunden, ist aber kein rein reflektorischer Vorgang, sondern verlangt schon eine soziale Arbeit vom Kind: Es muss aktiv werden und sich seiner Umgebung zuwenden, um zu überleben.

Im Mutterleib verläuft sein Dasein kontinuierlich. Das Herz der Mutter schlägt unaufhörlich. Sie atmet immer wieder ein und aus, und die Nahrung strömt ohne eigenes Zutun. Sogar die Tem