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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2020
Erbsünde Rassismus
Schwarze Befreiungstheologie von der Sklaverei bis zur Ermordung George Floyds
Der Inhalt:

Die Gelbwurstbande

vom 26.06.2020
Kolumne von Anne Lemhöfer:

Als Mutter von drei Kindern fühle ich mich manchmal wie ein Rockstar, dessen Groupies nie genug von ihm bekommen: »Wo ist eigentlich die Mama?«, höre ich nach dreißig Sekunden, wenn ich kurz mal aus dem Raum gegangen bin. »Mama ist daaaaaa!«, tönt es aus drei Kehlen, wenn ich den Schlüssel in der Wohnungstür umdrehe, weil ich, nein, nicht von einer dreiwöchigen Reise durch den Dschungel auf Borneo, sondern von einer Tour durch den Supermarkt mit der Nahrung für die Woche zurückkehre. »Wertschätzungsdusche« nennt man das in der Erwachsenenpädagogik, und es fühlt sich so lange gut an, bis sich die Groupies auf die Stofftaschen stürzen: »Mama, hast du Chips gekauft? Warum nicht?« In solchen Momenten bilden die Geschwister eine unzertrennliche Bande, zumindest in Sachen Grundnahrungsmittel: Nutella, Gelbwurst, Apfelschorle und Eis. Mehr muss man doch gar nicht einkaufen.

Mit der Einigkeit ist es allerdings vorbei, wenn es ans Austeilen der Gelbwurstscheiben geht. »Ich hatte erst zwei, F. hat vier bekommen!« »Du hattest ja auch nur ein Brot.« »Ich will aber nicht noch ein Brot. Nur Wurst.« »Das geht nicht. Das weißt du.« »Aber die F. …« In der Not schmeckt die Wurst auch ohne Brot.

Das da meine Mama!

Kaum eine Beziehung ist so emotionsgeladen wie die zu unseren Brüdern und Schwestern. Mal sind sie die engsten Vertrauten, mal treiben sie uns in den Wahnsinn. Doch egal wie oft Geschwister sich streiten: Mit den ersten Kommunarden unseres Lebens erlernen wir Fähigkeiten, von denen wir noch im Erwachsenenalter profitieren. Darin sind sich die meisten Psychologen einig. Ich bin mit einem kleinen Bruder aufgewachsen und kann da nur zustimmen. Da habe ich gelernt, dass unbeobachtete Schokoladenhasen oder Plastikspielzeuge schnell vom Feind geortet und Kostbarkeiten niemals alle am gleichen Ort versteckt werden dürfen. Dass es dagegen zusammenschweißt, wenn man langweiligen Erwachsenengesprächen gemeinsam zur Legokiste entfliehen kann.

Wenn ich meine eigenen Kinder beobachte, frage ich mich manchmal, wann der Moment kommt, an dem ein Nachkömmling versteht, wer diese anderen kleinen Menschen sind, die wie selbstverständlich mit am Frühstückstisch sitzen und in den Urlaub fahren. »War F. auch in deinem Bauch wie ich?«, fragte mein Mittlerer mit drei Jahren mal ungläubig. In diesem Moment zerbrach sein Weltbild. Er tat mir richtig leid. Meine

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