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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2018
Streit ums Abendmahl
Der Ökumene droht der Totalschaden
Der Inhalt:

»Es werde Kalkül«

von Birgit-Sara Fabianek vom 22.06.2018
Wo wird die digitale Evolution hinführen? Eine Inszenierung der »Schöpfung« von Haydn am Schauspiel Dortmund versucht eine Antwort

Sehe ich richtig? Aus dem Bühnenboden schweben Menschen empor? Falsch. »Wir«, klärt die Gruppe in monotonem Singsang auf, »sind keine vernünftigen Personen.« Pause. Atemgeräusche. »Wir. Sind die Vernunft.« Die Darsteller in trister Bürokleidung und mit schlecht sitzenden Perücken verkörpern »Künstliche Intelligenzen«, die in der Maske menschlicher Wesen zu uns sprechen: »Wir. Sind und waren keine Personen. Sondern Kalküle.« Wer jetzt schon verwirrt ist, geht besser raus.

Wer bleibt, wird belohnt. Am Schauspiel Dortmund verzahnt Regisseurin Claudia Bauer in einem bildgewaltigen Abend die Frage nach der Zukunft des Menschen mit der biblischen Schöpfungsgeschichte: Ihre »Schöpfung« besteht aus einer musikalisch eingedampften Techno-Version von Joseph Haydns Oratorium »Die Schöpfung«, ergänzt um literarische und philosophische Textcollagen zur Evolution.

Die Gruppe aus künstlich anmutenden Menschen zerfällt, drei Opernsolisten wandern an den rechten Rand der Bühne, sechs Schauspielerinnen und Schauspieler verschwinden in einer Black Box mit Gucklöchern, die auf einer Drehbühne steht. Ab jetzt laufen zwei Schöpfungsgeschichten parallel: Am Bühnenrand preisen die Sänger in berührenden Rezitativen, Arien und Chorpassagen Gott als Schöpfer des Himmels und der Erde und feiern den Menschen als »Mann und König der Natur«. Im Innern der Box durchwandert das Schauspielerensemble spiralförmig angeordnete Räume und spielt Szenen der menschlichen Evolution nach, die auf große Videoleinwände übertragen werden.

Hier wird der Mensch nicht als Krone der Schöpfung gefeiert, sondern als fehlerhaftes Produkt einer zufälligen Entwicklung beschrieben, das sich selbst helfen muss; die Evolution hat die Menschheit in einen Zustand geworfen, in dem sie selbst Mittel und Wege zum Überleben erfinden muss. Auf der Bühne wird das in witzigen Konstellationen nachgestellt: Wenn Bass-Solist Robin Grunwald in den Worten der Genesis den ersten Tag besingt, verkleiden sich die Schauspieler als Amöben und wuseln stoßend und schubsend durch den Raum; wenn Gott das Land schafft, erschaffen die Menschen die Kulturen, zwängen sich in enge (Moral-)Korsetts und brechen unter der Last von Pflichten und Vorschriften fast zusammen.

Und während bei Haydn Gott am sechsten Tag den Menschen »nach seinem Ebenbilde« schafft, spiegeln sich die Darsteller selbstverliebt in ihren Tablets. Mit ve

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