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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2016
Schenkt ihnen nicht eure Angst!
Wie rechte Populisten die Gesellschaft spalten
Der Inhalt:

Mutter Zivilcourage

von Mathias Becker vom 24.06.2016
Rusciori in Siebenbürgen: Kein Dorf wie jedes andere. Denn das Herz von Hermine Jinga-Roth schlägt für die Roma

Auf den ersten Blick ist Rusciori in Siebenbürgen ein Dorf wie viele in Rumänien. 700 Einwohner, eine Kirche, eine Dorfschule. Und eine unsichtbare Grenze zwischen zwei Welten: die Welt der Rumänen und die der Roma. Allein die Begriffe, die verwendet werden, verraten viel. Denn natürlich sind die Roma auch Rumänen.

Und doch ist hier etwas anders. 26 junge Roma, die in Rusciori leben, besuchen weiterführende Schulen oder lernen einen Beruf. Sechs Mädchen und Jungen büffeln im Gymnasium. Viele Erwachsene schaffen auf dem Bau, bewirtschaften Felder oder verdienen ihr Geld als Reinigungskräfte. Freunde werden Rumänen und Roma wohl auch in Rusciori nicht. Doch hier, knapp 300 Kilometer nordwestlich von Bukarest, bewegt sich die Minderheit in kleinen Schritten in die Mitte der Gesellschaft.

Kürzlich berieten Beamte, Roma-Vertreter und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen im Rathaus von Hermannstadt/Sibiu, wie man die Roma integrieren kann. Irgendwann stand der Polizeichef auf und sagte, es gebe ein einziges Dorf in der Gegend, in das seine Leute schon lange nicht mehr gerufen wurden, um Streit zwischen Rumänen und Roma zu schlichten: Rusciori. »Und wissen Sie, warum?«, fügte er hinzu. »Wegen dieser alten Sächsin.«

Was der Polizist nicht wusste: Die »alte Sächsin« war ebenfalls im Raum. Hermine Jinga-Roth, 75 Jahre alt, das Haar streng hochgebunden, schmunzelt, als sie die Anekdote erzählt. »Er wurde ein bisschen rot«, sagt sie und rollt das »R« dabei so schön wie Märchenerzählerinnen in Hörbüchern. Selten würdigen Menschen ihr Engagement für die Roma. Sie und ihre Mitarbeiter helfen bei Hausaufgaben und Bewerbungsschreiben, sie organisiert Mittagessen, unterstützt bei Behördengängen.

Es ist Punkt 13 Uhr, als die Glocke vor dem alten Pfarrhaus läutet und vierzig Kinder zu den Wasserhähnen stürmen: Hände waschen. Wenig später sitzen sie an langen Holztischen und schöpfen sich Kartoffelsuppe auf die Teller, beten gemeinsam, greifen zu den Löffeln und essen. Hermine Jinga-Roths Blick wandert durch die Reihen. Hält ein Kind den Löffel falsch, gibt sie ihm Nachhilfe. Und wenn ein Kind »Domna« zu ihr sagt statt »Doamna«, wie man die höfliche Anrede einer Dame richtig ausspricht, korrigiert sie es. Lässt es zwei-, dreimal »Doamna« sagen, bis das Wort sitzt.

Man könnte Hermine Jinga-Roth für eine strenge Frau halten. Für eine Zuch

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