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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2015
Rettet diese Welt!
Die Umwelt-Enzyklika: Papst Franziskus und sein politischer Sonnengesang
Der Inhalt:

Konnte Jesus auf dem Wasser gehen?

von Eva-Maria Lerch vom 26.06.2015
Wie ist die Bibel zu verstehen – wortwörtlich oder historisch-kritisch, im Kontext ihrer Zeit? Die Debatte scheint im Protestantismus wieder neu eröffnet

Konnte Jesus auf dem Wasser gehen? Hat er tatsächlich Tote auferweckt? Und war Maria Jungfrau, als sie ihn gebar? Fragen wie diese sind in Stuttgart plötzlich wieder brandaktuell. Das Verständnis der Bibel – ob sie nun wortwörtlich oder historisch-kritisch zu lesen ist – wird auf zahlreichen Podien diskutiert: »Bibel. Fundament. Fundamentalismus«, hieß eine Veranstaltung. Eine andere nennt das Problem deutlich: »Streit um die Bibel«. Und die Besucher stehen zu Hunderten in langen Schlangen vor den Sälen, um an diesen Diskussionen teilzunehmen. Dabei ist die Frage nach dem Bibelverständnis der Kirche theologisch eigentlich längst geklärt. Sämtliche theologischen Fakultäten – evangelische wie katholische – lehren die historisch-kritische Methode, die die biblischen Bücher in ihrem historischen Kontext betrachtet. Ein voraufgeklärtes Verständnis der Bibel, das dieses Buch als vom Himmel gefallenes Wort Gottes begreift, ist vor der modernen Wissenschaft und der Welterfahrung heutiger Menschen schlichtweg nicht mehr begründbar.

Trotzdem ist der historisch-kritische Zugang bei den Gläubigen oft noch nicht angekommen. Viele Pfarrer vermeiden die historisch-kritische Analyse in ihren Predigten, weil sie ihre Gemeinden nicht verunsichern wollen. In pietistischen und charismatischen Kreisen wird der historisch-kritische Zugang sogar ausdrücklich abgelehnt. Das Spektrum der Christen, die die Bibel wörtlich nehmen, reicht von frommen Hauskreisen bis zu eingefleischten Kreationisten, die ernsthaft behaupten, dass Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen habe.

»Nein«, sagt der Stuttgarter Theologe Christoph Dinkel auf einem Podium im Hospitalhof, »Jesus konnte nicht auf dem Wasser gehen.« Die Erzählung von seinem Gang auf dem See sei metaphorisch zu verstehen. Er habe auch keine Menschen auferweckt, die schon tot waren: »Wir glauben nicht an Zombies.« Die biblischen Totenerweckungen verdeutlichten, »dass Jesus das Leben gesehen und geweckt hat, wo andere nur noch den Tod sahen«. So erkläre er das auch seinen Konfirmanden.

So eine Deutung lässt Menschen, die in einer unsicheren Welt nach sicheren Wahrheiten suchen, jedoch häufig unbefriedigt. »Fundamentalismus entsteht, wo Fundamente zerbrechen«, erklärt der Kasseler Theologe Wilhelm Eppler. Der »Weg zurück ins Paradies der fraglosen Gewissheiten« sei den Menschen der Moderne jedoch versperrt. Und es sei nicht zuletzt die Bibel

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