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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2015
Rettet diese Welt!
Die Umwelt-Enzyklika: Papst Franziskus und sein politischer Sonnengesang
Der Inhalt:

Kleine, große Frau

von Wolfgang Kessler vom 26.06.2015
Aufgefallen: Esther Bejarano hat Auschwitz überlebt, weil sie im Orchester spielte. Heute singt sie mit muslimischen Rappern gegen den Faschismus

Es herrscht Ruhe im überhitzten Ruprecht Mayer Saal in Stuttgart, die Luft ist zum Schneiden. Vorne am Pult sitzt eine kleine, alte Frau und rückt das Mikrofon zurecht. Noch ahnt niemand, dass die 91-jährige Esther Bejarano später die Besucher des Israel-Palästina-Tages, den Friedensgruppen am Rande des Kirchentages veranstalten, von den Sitzen reißen wird. Doch zunächst liest »diese kleine, große Frau«, wie die Moderatorin sie vorstellt, aus ihren Erinnerungen. Und die könnten dramatischer nicht sein.

Dabei hat ihr Leben ganz bürgerlich begonnen. Als Tochter eines Oberkantors jüdischen Glaubens 1924 in Saarlouis geboren, lernt Esther Klavier und besucht ein jüdisches Landschulheim. Doch mit der nationalsozialischen Machtübernahme überschlagen sich die Ereignisse. Im Jahr 1941 werden ihre Eltern von Nazis ermordet. Sie kommt zunächst in das Zwangsarbeitslager Neuendorf. Im April 1943 wird sie nach Auschwitz deportiert. Mit fester Stimme liest sie aus ihren Erinnerungen. Sie beschreibt das schreckliche Leben, den Tod – aber auch, dass sie sich zum Mädchenorchester gemeldet und mithilfe der Musik das Konzentrationslager überlebt hat. Bei einem der Todesmärsche von Häftlingen konnte sie fliehen.

Doch so schrecklich ihre Erinnerungen sind, so konsequent engagiert sich Esther Bejarano seit Jahrzehnten gegen Intoleranz und Faschismus. Sie besucht Schulen, um der Jugend zu erzählen, wie es wirklich war. »Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit«, sagt sie den Jugendlichen von heute. »Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt. Ihr müsst alles wissen, was damals geschah. Und warum es geschah.«

Auch bei ihrer Arbeit für Versöhnung heute spielt die Musik eine Hauptrolle. Mit ihrer Tochter Edna und ihrem Sohn Joram gründete sie Anfang der 1980er-Jahre die Gruppe Coincidence. Sie spielen Musik aus dem Getto und antifaschis tische Lieder.

Seit 2009 geht Esther Bejarano mit der Kölner Band Microphone Mafia auf Tour – dazu zählen zwei junge muslimische Rapper und ein katholischer Christ. Drei Religionen, drei Generationen, eine Band, gemeinsam Musik gegen Rassismus und Faschismus – glaubwürdiger kann Vergangenheitsbewältigung mit Zukunft nicht sein.

Und das spüren auch die Besucherinnen und Besucher an diesem Abend, der den Israel-Palästina-Tag be

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