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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2013
Fernweh trifft Wirklichkeit
Wie fair kann Tourismus sein?
Der Inhalt:

Der Steher

von Eva-Maria Lerch vom 28.06.2013
Der Tänzer Erdem Gündüz steht acht Stunden still auf dem Taksim-Platz in Istanbul. Und löst eine neue Protestwelle aus

Zuerst steht er ganz allein da. Ein schmaler Mann auf dem Taksim-Platz. Er hat den Blick auf die große Fahne mit dem Bild des Staatsgründers Atatürk gerichtet. Spricht nicht, bewegt sich nicht, steht einfach da. Acht Stunden lang.

Nach einiger Zeit merken die Passanten, dass dieses Stehen eine Form des Protestes ist. Bis zum 15. Juni haben auf diesem Platz in Istanbul die heftigsten Auseinandersetzungen stattgefunden – der bunte und lautstarke Protest Tausender junger Türken gegen die Politik der konservativen Regierung Erdogan wurde grausam niedergeschlagen. Die Zugänge zum Taksim werden nun von der Polizei geregelt, Demonstrationen verboten. Aber der 33-jährige Erdem Gündüz demonstriert nicht, er schwingt keine Fahne, skandiert keine Parolen. Er steht nur da. Acht Stunden lang.

Rasch wird die Aktion über das Internet verbreitet, andere Istanbuler stellen sich dazu. In wenigen Stunden wächst die Gruppe auf dreihundert Steher an, darunter sind auch türkische Prominente wie der Designer Barbaros Sansal und der Schauspieler Selcuk Yöntem.

Das hat Erdem Gündüz nicht geplant. Zuerst versucht er noch, seine Nachahmer zum Gehen zu bewegen. Dies sei eine Aktion »nur für eine Person«, lässt er über Twitter verbreiten. Und benennt auch seine Motivation: »Ich protestiere gegen die Sprachlosigkeit der türkischen Medien und die Gewalt der Polizei. Vier Menschen sind gestorben, Tausende wurden verletzt. Doch die Medien haben nichts davon gezeigt.«

Erdem Gündüz steht weiter, die braunen Locken fallen ihm ins Gesicht. Reporter laufen auf, stellen ihm Fragen, halten Mikrofone an seinen Mund. Gündüz reagiert nicht, blickt stur geradeaus. Auch die Polizisten haben inzwischen gemerkt, dass hier eine politische Performance stattfindet. Doch der reglose Protest macht sie einigermaßen ratlos. Sie durchsuchen seinen Rucksack, finden darin nur Wasserflaschen. Später nehmen sie ihn fest, müssen ihn aber bald wieder freilassen. Auch zehn andere Steher werden nach Mitternacht abgeführt. Als Gündüz die Aktion beendet, ist er schon als »duran adam«, stehender Mann, um die Welt gegangen.

Der stehende Mann ist eigentlich Tänzer. Daher rührt auch seine beeindruckende Präsenz. Auf seiner homepage www.erdemgunduz.org kann man ihn tanzen sehen, auf diese stille, starke, ausdrucksvol

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