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Überall lauert die Gefahr

von Claudia Mende vom 30.06.2006
»Es gibt in den Medien keine neutralen Symbole mehr für den Islam.« Fragen an die Medienexpertin Sabine Schiffer

Publik-Forum: Frau Schiffer, Sie beobachten die Berichterstattung in den Medien zum Thema Islam sehr genau. Was kritisieren Sie?

Sabine Schiffer: Ich kritisiere vor allem die prob-lematische Verknüpfung von Text und Bildern, wie sie zum Beispiel auf den Titelseiten von Spiegel und Stern zu sehen ist. Der Stern zeigt beispielsweise in seiner Ausgabe vom 9. Februar auf dem Titel eine Bombe - eine Anspielung auf eine der dänischen Mohammed-Karikaturen, bei der der Prophet eine Bombe auf dem Turban trägt. Darüber klebt der Schriftzug »Islam« und die Frage: »Wie viel Rücksicht müssen wir nehmen?« Dieses Bild sagt: Wir nehmen Rücksicht auf den Islam und übersehen die Gefahr im Hintergrund. Unter unserer Rücksichtnahme tickt sozusagen die Bombe, die jeden Moment hochgehen kann.

Publik-Forum: Ist diese Bewertung nicht ein bisschen übertrieben?

Schiffer: Nein, denn es handelt sich um eine starke Suggestion. Solche Titelbilder machen es den Menschen schwer, Unterschiede zu sehen und den Islam nicht mit Gewalt und Schrecken zu assoziieren. Mit dieser Symbolik wird eine ganze Gruppe von Menschen diffamiert.

Publik-Forum: Ist der Spiegel-Titel differenzierter?

Schiffer: Der Spiegel bebilderte seine Ausgabe vom 6. Februar über »den heiligen Hass« mit einer bis auf die Augenschlitze schwarz verhüllten Frau. Es gibt bereits eine lange Tradition in den Medien, Kopftücher und die Verschleierung der Frauen mit Gewaltthemen zu kombinieren. Man trifft damit keine Aussage über muslimische Extremisten, sondern über den Islam allgemein. Beiträge über die angebliche Frauenunterdrückung werden mit Bildern von Kopftuch tragenden Frauen illustriert. Dadurch ist es nicht mehr möglich, unterschiedliche Emanzipationsgrade in den Blick zu nehmen. Diese selektive Auswahl in den Medien verstärkt stereotype Bilder des Islams.

Publik-Forum: Beim Karikaturenstreit gab es auch gewalttätige Proteste. Wie können die Medien über Gewalttaten berichten, ohne in Stereotype zu verfallen?

Schiffer: Wenn man die Bilder wütender Massen zeigt, dann stehen diese aus Sicht des Betrachters leicht für die gesamte islamische Welt, obwohl es sich bei den Gewalttätern um eine Minderheit handelt. So werden Feindbilder konstruiert. Es ist ein Grundproblem d

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