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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2019
Auf der Kippe
Welche Zukunft hat die evangelische Kirche?
Der Inhalt:

Spiritprotokoll: »Alles ist Übergang«

von Gunhild Seyfert vom 07.06.2019
Der Bialowieza-Urwald ist von verletzlicher Schönheit. Es fühlt sich an, als ob sich dort eine Tür zu einem anderen Raum öffnet

Im Wald atme ich auf. Der Himmel spannt sich hoch über den Wipfeln, und die Welt wird weit. Nase und Mund öffnen sich für die feuchte, würzig duftende Luft. Am Boden unterm Laub knacken Äste, wenn ich darübergehe. Grüne Blätter rascheln zart, manche lösen sich, drehen in der Luft noch kleine Kapriolen und schweben zur Erde. Vor Blicken geschützt, singen und pfeifen, gurren und klopfen Vögel in den Baumkronen.

Uralte Bäume stehen tief verwurzelt in der Erde, wuchtig und grau, wie auf faltigen Elefantenfüßen. Ich bin auf Reisen im Bialowieza-Nationalpark, dem letzten Flachland-Urwald Europas, weit im Osten grenzübergreifend in Polen und Weißrussland gelegen. Seit Menschengedenken wächst hier natürlicher Mischwald. Bewahrt wurde dieser Wald, weil er bevorzugtes Jagdgebiet der jeweils herrschenden Könige, Zaren oder Parteifunktionäre war. Holz zu schlagen war deshalb streng verboten. Heute ist dieser Wald auf über 1400 Quadratkilometern Lebensraum für anderswo längst ausgerottete Tiere und ausgestorbene Pflanzen. Wer vor Sonnenaufgang aufsteht und mit einem kundigen Führer loszieht, kann mit etwas Glück wild lebende Wisente beim Grasen beobachten.

Seit den 1990er-Jahren kämpften Naturschützer für den Wald, der zum Unesco-Weltnaturerbe gehört. Schließlich entschied der Europäische Gerichtshof im vergangenen Mai: Die Fällungen im Wald von Bialowieza müssen sofort aufhören, denn sie widersprechen den Naturschutzrichtlinien der EU. Mein Mann und ich freuten uns sehr über dieses Urteil. Und entschieden: Da fahren wir hin!

Wenn ich in diesen Wald komme, betrete ich eine von Licht durchflutete Kathedrale. Im Bialowieza-Wald stehen Bäume, die über 500 Jahre alt sind. Die mächtigen Stämme der über vierzig Meter hohen Eichen und fast ebenso hohen Eschen wirken wie Säulen und ziehen meinen Blick himmelwärts. Ihre Baumkronen bilden eine in allen Schattierungen von Grün leuchtende Kuppel. Durch sie fällt gedämpftes Licht auf Gräser und Blüten, auf Sträucher und kleine Bäume, auf Sumpflandschaften, Wasserrinnsale und alles, was darin springt und läuft, kriecht und fliegt. Als Mensch geboren zu sein, als Mensch über unsere Erde zu gehen – das nehme ich hier besonders wahr. Inmitten der uralten, stoisch wirkenden Baumriesen bin ich ein kleines und bewegliches Geschöpf, pulsierend und warm, mit nur kurzer Lebensspanne. Das fühlt sich stimmig an in diesem gr

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