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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2015
Rettet das Singen
Über die Macht der eigenen Stimme
Der Inhalt:

»Lauter kleine Putins«

von Gemma Pörzgen vom 05.06.2015
Wer regiert Russland? Ein Gespräch mit der britischen Russland-Expertin Fiona Hill

Publik-Forum: Zusammen mit Ihrem Kollegen Clifford Gaddy haben Sie ein viel beachtetes Buch über Präsident Wladimir Putin geschrieben. Wie viel Macht hat der russische Staatschef wirklich?

Fiona Hill: Putin kann nicht einfach tun, was er will. Das ist anders als in der Stalin-Ära, als der Staatschef einen Befehl ausgab und dieser immer genauso ausgeführt wurde. Putin entspricht nicht dem traditionellen Image eines Diktators. Er beschwert sich häufig darüber, dass er etwas anordnet und es dann nicht geschieht. In Russland läuft nicht alles nach Plan.

Deutsche Medien neigen dazu, die russische Politik sehr stark auf Putin zu fokussieren.

Hill: Putin ist natürlich die Stimme, die zählt. Er trifft die großen Entscheidungen, er setzt die Strategie. Aber es gibt auch einen »kollektiven Putin« um ihn herum. Verschiedene Leute können seine Entscheidungen auf unterschiedliche Weise beeinflussen. Und wenn man das ganze Land vor Augen hat, gibt es überall lauter kleine Putins. Schauen Sie sich den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow an. Er ist das beste Beispiel für völlige Loyalität gegenüber Putin, nicht aber gegenüber dem russischen Staat. Kadyrow macht in Tschetschenien, was er will. Ähnliches finden Sie auch anderswo.

Ist Russland eine Demokratie?

Hill: Russland ist eine bestimmte Art von plebiszitärer Demokratie. Wahlen werden als Volksbefragung benutzt. Präsident Erdogan in der Türkei hält das ganz ähnlich. Die Wähler geben ihr Votum ab, und danach bleibt es dem Staatschef überlassen, die wichtigen Entscheidungen zu fällen. Nach Putins Verständnis gibt das Volk bei der Wahl ein Signal, und danach kann der Präsident die Agenda bestimmen. Wahlen sind die einzige Möglichkeit für die Bevölkerung, an Politik teilzunehmen. Deshalb waren die großen Proteste 2011/2012 ein Schock für Putin. Die Menschen drückten etwas aus, was er nicht erwartet hatte. Seither befindet sich Putin in einer andauernden Kampagne für sich selbst, um die Leute davon zu überzeugen, dass er der richtige Führer ist.

Um diese Unterstützung zu gewinnen, setzt Putin sehr stark auf Propaganda. Welche Rolle spielt dabei dabei die wachsende anti-amerikanische Stimmung?

Hill: Der Antiamerikanismus ist

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