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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2015
Rettet das Singen
Über die Macht der eigenen Stimme
Der Inhalt:

Hunger, Wut und Glaube

von Luzia Sutter Rehmann vom 05.06.2015
Warum wir eine Theologie der Hungrigen brauchen und was die Hungernden von heute von den biblischen Propheten lernen können

Wut ist theologisch und biblisch kaum reflektiert. Eigentlich sollte man doch gar nicht wütend sein, sondern dankbar. Man kann aber nicht immer dankbar sein, schon gar nicht, wenn man hungert. Wenn es wegen horrender Preiserhöhungen, einer Dürre oder gewalttätigen Konflikten eine Hungerkrise gibt, dann werden Menschen in der Regel wütend. Sie leisten Widerstand, gehen auf die Straße, empören sich, fordern Brot und damit Gerechtigkeit. So war es immer.

Im fünften Jahrhundert vor Christus berichtet zum Beispiel das alttestamentliche Buch Nehemia (5, 2-5) von Schuldsklaverei und Hunger. »Die Männer des einfachen Volkes und ihre Frauen erhoben aber laute Klage gegen ihre jüdischen Stammesbrüder. Einige sagten: ›Unsere Söhne und unsere Töchter, wir alle sind viele und wir wollen Getreide nehmen und essen und wir wollen leben!‹ Andere sagten: ›Unsere Felder, unsere Weinberge und unsere Häuser verpfänden wir, damit wir Getreide gegen den Hunger bekommen können.‹ Wieder andere sagten: ›Für die Steuer des Königs haben wir unsere Felder und Weinberge mit Geld beliehen! (...) Sieh doch: Wir müssen unsere Söhne und unsere Töchter zur Sklaverei erniedrigen. Einige unserer Töchter sind sogar erniedrigt worden, und wir haben nichts dagegen in der Hand! Unsere Felder und Weinberge gehören anderen.‹«

Hier melden sich Hungrige zu Wort. Menschen, die unter Ungerechtigkeit leiden und sich für ihre Kinder einsetzen. Sie fordern Getreide und Recht. Beides wird ihnen vorenthalten. »Wir sind viele!« – rufen diese Menschen und formieren einen Hungeraufstand.

Schwarze Bürgerrechtler in den USA oder die feministische Bewegung der 1970er- und 1980er-Jahre reflektierten die Notwendigkeit der Wut. Sie erkannten ihre Kraft, ihre kritischen Visionen. Wut richtet sich auf das, was fehlt, ruft es herbei, auch wenn im Moment weder passende Worte noch Lösungen bereitstehen. Weil Wut eine vorausahnende, vorauseilende Kraft ist, steckt in ihr Veränderungspotenzial.

Natürlich ist Wut nicht einfach gut. Darum geht es nicht. Die mörderische Wut des Königs Herodes hatte schreckliche Folgen. Johannes der Täufer und Jesus von Nazareth kannten die Wut, setzten sich aber dafür ein, dass die verarmten Massen sich nicht in Aufständen zerrieben und ihre Empörung nicht gegeneinander richteten, sondern sich solidarisch aufmachten.

Angesichts von weltweit etwa 800 M

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