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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2013
Götzen, Geld und die Gerechtigkeit
Was Christen heute herausfordert
Der Inhalt:

Die zweite Chance

von Wolfgang Kessler vom 14.06.2013
In den 1990ern drängte die Basis die Kirchen zu einem deutlichen Sozialwort. Jetzt planen die Kirchen ein neues – ohne die Basis

Oberflächlich scheint alles in Ordnung: Die Deutschen kaufen, die Aktienkurse boomen, die Steuereinnahmen sprudeln. Warum also ein neues Sozialwort? Die Antwort: Weil der Schein des Erfolges trügt.

Täglich erleben die Beschäftigten wachsenden Druck und zunehmende Hetze am Arbeitsplatz. Die sozial Benachteiligten sehen sich immer weiter an den Rand gedrängt. Die Konzentration der Vermögen in der Hand von wenigen nimmt zu. Der rastlose Raubbau an endlichen Ressourcen zerstört die Welt und heizt das Klima auf. Weltweit wird die Kluft zwischen Superreichen und Habenichtsen immer perverser.

Und doch tun viele Ökonomen, Politiker, Unternehmer und auch Gewerkschafter so, als könnten wir einfach weitermachen wie bisher: Mehr arbeiten, mehr produzieren, mehr kaufen, höhere Löhne – und alles wird gut. Das wird es nicht – und die meisten Bürgerinnen und Bürger wissen dies ebenso wie die Verantwortlichen. Da neue Wege nicht beschritten werden, machen sich Ratlosigkeit und Resignation breit. In dieser Lage genießen nur noch wenige große Institutionen so viel Vertrauen, dass sie einen breiten Diskussionsprozess über die Zukunft initiieren könnten. Dazu zählen die Kirchen, obwohl auch sie an Ansehen verloren haben. Sie haben zudem Erfahrung mit einem derart komplexen Diskussionsprozess, denn sie haben eine ähnliche Debatte in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre ausgelöst. An deren Ende stand das Sozialwort mit dem Titel »Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit« im Februar 1997.

Als »kleine Revolution« bezeichnete damals der evangelische Bischof von Berlin, Wolfgang Huber, das gemeinsame Wort der großen Kirchen. Dies galt weniger für den Inhalt als für die Art und Weise, wie es zustande gekommen ist. Mehrere Jahre lang beschäftigten sich Hunderte von Arbeitskreisen engagierter Bürgerinnen und Bürger, Christen und Nichtchristen aus Ost und West mit der wirtschaftlichen und sozialen Situation des Landes. Rund 2500 Stellungnahmen mit mehr als 25 000 Seiten zählten das Katholisch-Soziale Institut in Bad Honnef und das Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland – beide Institute begleiteten den Prozess.

Der Versuch der Kirchen, mit der Gesellschaft einen Dialog auf Augenhöhe zu führen, war ein doppelter Erfolg. Zum einen verschafften sich die Kirchen auch in Kreise

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