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Die Kegel fallen lautlos

von Patrizia Barbera vom 12.06.2009
Günter Leineweber kann nicht hören. Aber auf der Kegelbahn schlägt er seit vierzig Jahren die Mitspieler

Das Hörgerät liegt auf dem Tisch. Günter Leineweber hat es abgenommen, um sich besser zu konzentrieren. Seit seiner Geburt kann der 59-Jährige fast nichts hören. Die wenigen Laute, die ihm das Hörgerät vermittelt, sind ihm beim Sport eher hinderlich. Gemeinsam mit seinem hörenden Vereinskollegen Giuseppe Piraino wärmt Leineweber sich auf. Das Wetter! Schrecklich, nicht? Wie viele Bahnen willst du heute werfen? Die beiden Männer unterhalten sich offenbar problemlos. Mit Händen und Füßen.

Günter Leineweber streckt seine Arme über den Kopf, um sich zu dehnen. Er federt im Ausfallschritt. Sein Blick ruht auf den neun weißen Kegeln. Der Rentner aus Kandel in der Pfalz kegelt schon seit über vierzig Jahren im Verein. Zunächst hat er nur mit Gehörlosen gekegelt und mit seiner Mannschaft sieben Mal die Deutsche Meisterschaft für Gehörlose gewonnen. Nun trainiert er zusätzlich mit den Hörenden im Sportkegelverein Rülzheim.

Sein Hörgerät trägt Leineweber vor dem Training im rechten Ohr. Geräusche nimmt er damit nur leise und undeutlich wahr. »Bei Kegl stört ds aber, da brak i mein Ruhe«, sagt er. Da er sich selbst nie sprechen gehört hat, verschluckt er einige Vokale, manchmal ein Wortende. »Man muss schon die Ohren spitzen«, sagt der Vereinsvorsitzende Herbert Zölch. Er winkt, um Leineweber auf sich aufmerksam zu machen. »Aber ich verstehe dich und spiele manchmal Dolmetscher, richtig Günter?«, sagt er mit überdeutlichen Lippenbewegungen. Der 59-Jährige runzelt die Stirn, zeigt auf sein Ohr und schüttelt den Kopf. Zölch startet einen neuen Versuch. Er zeigt zunächst auf sich selbst, dann auf seinen Vereinskollegen. »Ich übersetze für dich.« Leineweber nickt.

16 Millionen Menschen in Deutschland sind schwerhörig, weitere 80 000 gehörlos. Grundsätzlich käme für Gehörlose und Schwerhörige jede Sportart infrage, sagt Frederike von Borstell vom Deutschen Gehörlosenbund. Kegeln sei sehr beliebt, da es dabei auf die eigene Konzentration und nicht auf die Interaktion mit anderen ankomme. »Viele Menschen wissen nämlich nicht, wie man mit Gehörlosen umgehen soll«, sagt sie. Nicht selten werde der Betroffene angeschrien, wie ein Kleinkind behandelt oder aus dem Gespräch ausgegrenzt.

Günter Leineweber hat gelernt, mit Frustration und unangenehmen Situationen zu leben. Damit er von ihren Lippen ablesen kann, müssen seine Gesprächspartner direkt vor ihm stehen und besonders langsam sprechen. Träg

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