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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2019
Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern
Eine Annäherung in fünf Schritten
Der Inhalt:

Mitbauen am Reich Gottes – geht das?

von Anne Strotmann vom 24.05.2019
Die Sozialismus-Debatte ist Christen nicht fremd. Eine Erinnerung an Karl Barth und Paul Tillich aus aktuellem Anlass

Jesus, der Sozialrevolutionär, der mit seiner Botschaft vom Reich Gottes für die Armen eintrat – das ist ein sympathisches Bild, mit dem viele Christinnen und Christen ihr politisches Engagement begründen. Aber was heißt das im konkreten politischen Alltag? Muss ein Christ heute Sozialist sein oder würde er dadurch ein deutlicheres Zeichen des Reiches Gottes ablegen? Oder ist es weder sinnvoll noch theologisch zulässig, Politik und Gott so konkret zusammenzudenken?

Die Fragen nach Theologie, Sozialismus und Ideologiekritik – verdichtet im Werk der beiden großen evangelischen Theologen Karl Barth und Paul Tillich – standen im Mittelpunkt einer Tagung der Deutschen Paul-Tillich-Gesellschaft und der Evangelischen Akademie Lutherstadt-Wittenberg. Karl Barth und Paul Tillich, beide 1886 geboren, waren von den sozialistischen Ideen fasziniert. Beide traten in die SPD ein. Beide hegten zeitlebens Sympathien für sozialistische Anliegen der Gleichheit und Gerechtigkeit und reflektierten dies vor dem Hintergrund der Gottesfrage – aber auf unterschiedliche Art. Die Theologiegeschichte machte aus den beiden schließlich Antipoden.

Mit dem Konzept vom »Religiösen Sozialismus« politisierte Tillich die sozialrevolutionäre und prophetisch-apokalyptische Botschaft Jesu vom Reich Gottes. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, in dem er als Feldpfarrer gedient hatte, gründete Tillich mit Gleichgesinnten den »Kairos-Kreis«, eine Gruppe religiöser Sozialisten. In der Bibel steht der Begriff Kairos für die Fülle der Zeit, den Moment des von Gott ausgehenden Heils. Diesen Zeitpunkt gilt es zu erkennen, religiös ernst zu nehmen und für die Gestaltung des christlichen Lebens auf Erden zu nutzen. Tillich sah in den Krisenzeiten der 1920er-Jahre diesen Moment gekommen. Indem er den Kairos beschwor, wollte er den Weg bahnen für den Einbruch des Überzeitlichen.

Doch der Gedanke und die damit verbundene Erwartungshaltung war auch anschlussfähig für die nationalsozialistische Ideologie: Der einflussreiche Theologe Emanuel Hirsch, Vertreter der Deutschen Christen, gebrauchte Tillichs Kairos-Theologie, um den Nationalsozialismus zu legitimieren. Inhaltlich musste Tillich der nationalsozialistischen Ideologie nicht nur (wenn auch viel zu spät) widersprechen, weil sie menschenfeindlich war.

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