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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2018
Frieden in einer irren Welt
Katholikentag 2018: Ängste, Ideen, Sehnsüchte
Der Inhalt:

Warum die Wirtschaft die Kirche braucht

von Sandra Hämmerle vom 25.05.2018
Der Volkswirt Erik Händeler sagt: Der Wohlstand hängt vom Sozialverhalten ab. In diesem Kontext gewinne das Evangelium eine neue Relevanz

Publik-Forum: Herr Händeler, für die meisten Menschen sind Wirtschaft und Religion zwei voneinander unabhängige Bereiche. Sie dagegen sehen enge Wechselwirkungen. Inwiefern?

Erik Händeler: Je komplexer alles wird, umso mehr sind wir angewiesen auf das, was andere können oder wissen; wir waren historisch noch nie so angewiesen auf andere wie jetzt. Wohlstand hängt heute nicht mehr hauptsächlich von Technik ab, sondern von den Menschen hinter der Technik: von ihrem Sozialverhalten, ihrer seelischen Gesundheit und von der Kultur des Umgangs miteinander. Deren Wurzeln wiederum liegen in den religiösen Vorstellungen. Die Wirklichkeit ist ein Ganzes, sie lässt sich nicht in Wirtschaft und Weltanschauung beziehungsweise Religion aufspalten.

Dass Technik die Welt verändert, ist unumstritten. Wie aber verändert sie inhaltlich die Religion?

Händeler: Jede neue Technik verändert nicht nur die Art, wie sich Unternehmen organisieren. Sie verschiebt auch die Macht innerhalb einer Gesellschaft und fordert von den Menschen andere Verhaltensweisen. Wer in den 1950er-Jahren ein Auto hatte, konnte der Dorfgemeinschaft entfliehen, wenn einem der Pfarrer am Ort zu liberal oder zu konservativ war. Die katholische Kirche hat diese durch Technik ermöglichte Individualität reflektiert und ernst genommen, indem sie das Zweite Vatikanische Konzil einberufen hat. So verändert eine neue Technik immer auch die religiöse Kultur. Umgekehrt wissen wir seit Max Weber, dass Religion darüber mitentscheidet, ob Menschen neue wirtschaftliche Strukturen umsetzen oder ablehnen. Wegen ihrer Wirtschaftsethik, aber auch weil die Protestanten die Bibel selbst lesen wollten und daher gebildeter waren, wurden die evangelischen Gebiete eher industrialisiert als die katholischen.

Wieso ist die fortschreitende Digitalisierung eine Chance für das Evangelium?

Händeler: Kapital können Sie heute überall in der Welt leihen, Maschinen können Sie weltweit kaufen. Sie können sich einen Spezialisten für zwei Stunden mieten oder das Wissen aus dem Internet holen. Der einzige entscheidende Standortfaktor wird die Fähigkeit, mit Wissen umzugehen. Und das geschieht immer im Umgang mit anderen Menschen. Die Streitkultur macht den Unterschied. Um Wissen produktiv anzuwenden, muss sich der Einzeln

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