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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2016
Hoffnung für die Stadt
Theologe Jürgen Moltmann über Christsein in den kapitalistischen Metropolen
Der Inhalt:

»Diffuses Gefühl der Fremdbestimmung«

Warum sind sich Christen in Deutschland Ost und West oft nicht grün? Und ändert sich das irgendwann? Ein Gespräch mit Berlins Erzbischof Heiner Koch

Publik-Forum: Herr Erzbischof, als die Anfrage kam, ob Leipzig den Katholikentag ausrichten könne, waren Sie als damals zuständiger Bischof zunächst skeptisch. Warum?

Heiner Koch: Ich hatte Respekt vor der Anfrage. Denn Dresden-Meißen ist ein kleines Bistum mit begrenzten Möglichkeiten. Außerdem war ich gerade erst neu im Amt. Vor allem aber wollte ich nicht, dass der 100. Katholikentag ein Jahr vor dem Reformationsgedenken als »katholische Gegenveranstaltung« im Osten wahrgenommen wird. Ich habe dann den damaligen sächsischen Landesbischof Jochen Bohl und den Leipziger Superintendenten Martin Henker nach ihrer Einschätzung gefragt. Superintendent Henker sagte mir: »Vielleicht wird uns gerade durch den Katholikentag bewusst, dass wir eine gemeinsame 1500-jährige Geschichte haben – und dass wir im Blick auf diese gemeinsame Geschichte einen neuen Weg miteinander finden können.« Diese theologische Begründung, die über das pragmatische »Ihr helft uns, wir helfen Euch« hinausging, hat mich bewegt und mir Mut gemacht, die Einladung zum Katholikentag auszusprechen.

Auch 27 Jahre nach der Friedlichen Revolution gibt es noch Verletzungen und Missverständnisse zwischen Ost- und West. Warum?

Koch: Viele Menschen im Osten haben ein diffuses Gefühl von Fremdbestimmung und Heimatverlust, besonders in Sachsen. Kaum ein Ostdeutscher möchte die Wiedervereinigung rückgängig machen. Aber viele erlebten sie als eine Vereinnahmung durch den Westen. Es gab kein Zusammenführen unterschiedlicher Strömungen, Geschichten und Erfahrungen. Die Menschen mussten sich vorbehaltlos in das System des Westens einpassen. Dann kam in der nächsten Welle die wirtschaftliche Übernahme. Viele Führungspositionen in der ostdeutschen Wirtschaft sind von Westdeutschen besetzt. Einmal kam ein alter Mann auf mich zu und zeigte mir einen Koffer mit Auszeichnungen der Nationalen Volksarmee. Er sagte: »Das war mein Leben. Und was bin ich jetzt?« Dann klappte er seinen Koffer zu und ging. Da merkte ich, auf welcher emotionalen Ebene sich diese Konflikte oft abspielen. 25 Jahre sind dafür eine kurze Zeitspanne.

Wie keine andere Institution waren die Kirchen vor 1989 Brückenbauer zwischen Ost und West. Warum jetzt nicht mehr?

Koch: Die Gemeinden in der DD

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