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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2016
Hoffnung für die Stadt
Theologe Jürgen Moltmann über Christsein in den kapitalistischen Metropolen
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Abgehakt

vom 27.05.2016

Habe ich den neuen Roman »Unterleuten« von Juli Zeh jetzt eigentlich schon gelesen oder nicht? Gestern war ich mir kurz nicht mehr sicher. Ich habe mehrere Feuilletonkritiken durchgesehen und weiß, dass dieses Berliner Paar eine Rolle spielt, das sich in einem brandenburgischen Dorf ein altes Haus gekauft hat und sich schwer tut mit den komischen Einheimischen. Auch zwei Kantinengespräche drehten sich um die Autorin, die so klug ist, aber den Humor nicht erfunden hat. Als ich im Buchladen an einem Stapel »Unterleuten« vorbeigelaufen bin, dachte ich: »Ach, der neue Roman von Juli Zeh«. Das Buch und ich waren da schon längst alte Bekannte.

Vielleicht liegt es daran, dass ich eine »To-read«-Liste führe. Da schreibe ich all die Literatur aus der »Muss-ich-unbedingt-mal-lesen«-Sparte drauf. Das Beste: In dem Moment, in dem ich den Titel notiere, hakt mein Hirn ihn ab. Das Leben kann so einfach sein!

Listen sind überhaupt toll. Ich schreibe nicht nur auf, welche Bücher ich kaufen will und welche von den gekauften Büchern ich lesen möchte, wen ich wieder mal anrufen sollte oder wo ich gerne mal hinfahren würde. Die Listen enthalten auch alles, was im Haushalt ansteht. Wenn im Flur das Licht ausfällt, hole ich einen gelben Zettel und notiere: »Birne Flur Baumarkt«. Das fühlt sich gut an, ich kann dann eine ganze Weile im Dämmerlicht von einem Zimmer ins andere gehen.

Mein Tag beginnt mit einer To-do-Liste vom Vorabend: »Kolumne schreiben«, »Kaffeemaschine zur Reparatur bringen«, »Clematis auspflanzen«, »Jule treffen«, »Impftermin ausmachen« und »Geld abheben«. Was nicht in der Liste steht, vergesse ich, außer Essen und Schlafen. Erledigte Aufgaben streiche ich durch. Liegengebliebene manchmal ebenfalls, morgen ist schließlich auch noch ein Tag.

Ich gestehe: Ich bin süchtig nach Listen. Den Kick gibt das Durchstreichen. Es gibt wahrscheinlich ein paar hundert Apps und Computerprogramme für To-do-Listen. Manchmal heißen sie anders, bei Microsoft zum Beispiel großspurig »Projekte«. Die meisten werden meinen Ansprüchen aber nicht gerecht. Sie unterstellen, dass ich Abteilungsleiterin eines mindestens mittelständischen Unternehmens bin, deshalb ständig Termine mit Geschäftspartnern habe und darüber weder die Geburtstage meiner Kinder noch die Online-Buchung unseres Ferienhauses vergessen darf. Da bleibe ich doch lieber bei meinen Klebezett

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