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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2012
Die Welt ist nicht genug
Der Kapitalismus: Stark wie nie und doch ohne Zukunft
Der Inhalt:

Frau Akgün ist nicht mehr allein

von Monika Herrmann vom 15.05.2012
Behinderte Migranten bleiben oft isoliert und finden kaum Hilfe. Das soll sich ändern. Über erste Anfänge in Berlin

Wenn Yildiz Akgün auf die letzten 18 Jahren zurückblickt, schüttelt sie immer wieder den Kopf. »Ich war so allein mit meiner Tochter, die seit ihrer Geburt mehrfach behindert ist. Wir hatten keine Hilfen und erst recht keine Beratungsangebote«, erzählt die 44-Jährige. Ihre Tochter Begumhan ist gehörlos und hat schwere körperliche Beeinträchtigungen. Akgün kam vor vielen Jahren aus der Türkei nach Deutschland und studierte Sozialpädagogik. Inzwischen kennt sie in Berlin viele Familien mit Migrationshintergrund, deren Kinder mit einer Behinderung leben. »Die meisten haben keinen Zugang zum deutschen Hilfesystem«, so Akgün. Sie will das ändern.

Zusammen mit anderen betroffenen Eltern, Mitarbeitern von Wohlfahrtsverbänden und Einrichtungen für behinderte Menschen ermutigt sie die Familien, ihre Probleme offensiv anzugehen und sich Hilfe zu suchen. Die Sprache sei immer noch bei vielen eine Barriere, sagt Akgün, aber auch die deutsche Bürokratie lasse viele regelrecht verzweifeln. »Migranten, auch wenn sie längst einen deutschen Pass haben, werden mit ihren Problemen von Behördenmitarbeitern oft nicht ernst genommen.« Sie hat dieses »Leben im Ausnahmezustand« schließlich selbst durchgestanden und weiß, wovon andere Eltern sprechen, wenn sie zu ihr kommen.

Ihr kleines Büro in Neukölln ist eine wichtige Anlaufstelle. Interkulturelles Begegnungs- und Beratungszentrum (IBBC) lautet der Name des Vereins, den Akgün gegründet hat. Es sind vor allem türkisch- und arabischstämmige Migranten, die hierher kommen. Manche sind auf der Suche nach einer passenden behindertengerechten Wohnung, andere wollen eine Schule, eine Werkstatt oder ambulante Pflege.

Es ist Freitagvormittag und Türkan Cakir ist gekommen. Die 45-jährige Mutter hat ein besonderes Problem. »Das Jugendamt hat mir Murat einfach weggenommen und in ein Heim gesteckt«, empört sie sich. Hintergrund: Der 15-Jährige ist ihr Neffe und schwerbehindert. Vor zwei Jahren starb seine Mutter in der Türkei, und die Tante holte ihn nach Deutschland. Die vierfache Mutter wollte Murat adoptieren. Sie suchte eine Schule für den Jungen, der kein Wort Deutsch sprach, und brauchte eine Wohnung ohne Barrieren. Doch das Jugendamt reagierte rigoros: »Es ordnete die Heimunterbringung für Murat an und bestellte einen Vormund für ihn.« Mit Hilfe von Akgün und ihrem Zentrum kann Cakir ihren Neffen jetzt zu sich nach

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