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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2019
Ach, Europa
Vielfältig, widersprüchlich, wunderbar – die EU vor der Wahl
Der Inhalt:

Der Letzte Brief (Vorsicht Satire!): Dear Theresa May!

Dass Sie angesichts des Brexit-Chaos noch nicht durchgedreht sind, verehrte Frau Premierministerin, erstaunt mich, und ich bewundere Sie. In meiner Abteilung im Brexit-Ministerium sieht es dagegen ganz anders aus. Die Nerven liegen blank angesichts der Anfeindungen, Verleumdungen und Drohungen, denen meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Tag und Nacht ausgesetzt sind. Die einen wollen uns wegbomben, die anderen beschimpfen uns als Versager und Trottel. Ein Mitarbeiter schlägt seit Wochen ständig mit dem Kopf gegen den Kühlschrank und ruft: »Stop it! Stop it!« Anschließend hört man nur noch: »Mummy!« Eine Mitarbeiterin hat ihren Laptop aus dem Fenster geworfen und ausgerechnet unseren Brexit-Minister Stephen Barclay am Kopf getroffen. Dass der sich dann gestern plötzlich kritisch zum Brexit äußerte, hat sicherlich mit dieser Verletzung zu tun.

Wie, dear honourable Lady, soll ich denn nur Ruhe in meine Abteilung bekommen? Ich habe es mit Gläsern voller Lollys versucht, mit Plüschtieren, auch zwei Hunde habe ich angeschafft. Aber die haben sich ständig bekämpft, der eine war wohl für den Brexit, der andere dagegen. Dann habe ich es mit zwei Katzen versucht. Aber diese Mistviecher haben ihren Auftrag einfach ignoriert und sich allen Zärtlichkeits- und Trostbedürfnissen meiner Mitarbeiter entzogen. Die beiden Psychotherapeuten, die meiner Abteilung zugewiesen wurden, waren auch nicht sehr hilfreich. Die haben sich immer wieder gegenseitig angeschrien: Der eine ist für ein neues Referendum, der andere total dagegen. Jetzt sind beide arbeitsunfähig: Der eine wegen Alkoholsucht, der andere wegen eines Suizidversuchs. Es ist das reine Chaos.

Deshalb muss ich hiermit kündigen. Die zerbrochenen Fensterscheiben in unserer Etage, den Kopierer und die Bürostühle werde ich selbstverständlich ersetzen. Es ist unverzeihlich, dass ich hin und wieder die Kontrolle über mich verlieren konnte, ich weiß auch nicht, warum. Nun will ich zusammen mit meiner Frau in Nordirland eine Farm bewirtschaften – weit ab von der sogenannten Zivilisation. Hoffentlich zerstreuen sich damit die Scheidungsabsichten meiner Frau!

Ich danke Ihnen, Mrs. May. Sie zeigen uns allen, wie man Gefühle bei der Behandlung des Brexit von sich fernhält, ich kann dies leider nicht.

Yours sincerely

Ja

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