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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2018
Kennen wir uns?
Jesus, Marx und die Krise des Kapitalismus. Ein Streitgespräch
Der Inhalt:

Wo Theologie bedeutsam wird

von Margot Kässmann vom 11.05.2018
Margot Käßmann würdigt das Lebenswerk von Hans Küng und erinnert daran, auf was es heute im interreligiösen Dialog wirklich ankommt

Jüngst wurde der Theologe Hans Küng neunzig Jahre alt. Margot Käßmann, Reformationsbotschafterin 2017, hielt zu Ehren Küngs den Festvortrag bei einem Symposium Ende April in Tübingen. Darin beschäftigt sie sich mit dem »Sitz im Leben« seiner Theologie. Hier ein leicht bearbeiteter, kurzer Auszug aus ihrer langen Rede.

Bei einem Essen, zu dem ich am Schabbat in den USA bei orthodoxen Juden eingeladen war, sagte mir der anwesende Rabbiner: »Warum sollte ich mich für Ihren Glauben interessieren? Sie können gern glauben, dass Jesus Gottes Sohn war, aber für mich ist er auf keinen Fall der Messias, und mir liegt auch nicht an einem Dialog darüber. Welches Ziel sollte das denn haben?« Ganz anders ein Taxifahrer, der kürzlich in Berlin zu mir sagte: »Frau Käßmann, ich bin ein Kollege von Ihnen, ich bin Imam im Wedding.« Und wir führten von Tegel bis zu meiner Wohnung ein angeregtes Gespräch über Glauben im säkularen Berlin, Seelsorge und soziale Nöte. Da war eine Gemeinsamkeit des Glaubens trotz verschiedener Religion.

Was ist das gemeinsame Grundethos? Küngs Leitfrage der 1990er-Jahre passt zu den Erlebnissen, die ich gerade geschildert habe. Die Einwände gegen religiöses Miteinander von christlicher Seite kenne ich natürlich. Zum einen: Was ist mit dem Missionsbefehl? In alle Welt zu gehen und das Evangelium zu verkündigen heißt doch genau das: zeigen, dass ich meinen Glauben mit Freude lebe, hier Lebenskraft und Halt finde. Wo das mitreißend, überzeugend, ansteckend wirkt, werden andere sich fragen, ob es auch ihr Weg zu Gott sein kann. Wo das auf andere verachtend, hochmütig, auf Abgrenzung bedacht wirkt, wird es wenig einladend erscheinen.

Zum anderen: »Die« – gemeint sind meist die Muslime – sind intolerant, gewalttätig, hetzen gegen Christen und verfolgen sie, wird gesagt. In der Tat, Christenverfolgung ist ein brisantes Thema, und unsere Geschwister im Glauben in aller Welt brauchen unsere Solidarität. Aber es ist absurd, alle Muslime mit einem kleinen Prozentsatz fundamentalistischer, ideologisch getriebener Gewalttäter gleichzusetzen. Fundamentalismus ist irreführend in jeder Religion. Mit so manchen Aussagen, die im Namen des christlichen Glaubens gemacht werden, möchte ich als Christin nicht identifiziert werden. Hass und Angst zu schüren ist und bleibt ein Irrweg in jeder Religion. Es gibt nicht »wir« und »die«, sondern Mensc

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