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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2017
Reformation 2.0: Das wahre Erbe Martin Luthers
Der Inhalt:

Zwischenruf: Smileys und blinde Flecken

Kritische Gedanken zum missglückten Kirchentagslogo

»Du siehst mich.« Wenn ich’s richtig verstehe, will das in der Hebräischen Bibel gefundene Motto des Evangelischen Kirchentags 2017 tiefe menschliche Lebenserfahrungen ansprechen. Aber ob die Besucherinnen und Besucher den Sinn dahinter verstehen? Ich denke nicht. Ich versteh’s ja selbst nicht so richtig. Meint dieser glotzäugige Smiley mich? Ist das vielleicht eine Botschaft von Orwells »Großem Bruder« – die Stasi kann’s doch nicht mehr sein? Mahnt mich eine religiöse Kleingruppe, den rechten Weg zu finden? Wer glotzt mich da eigentlich an? Sollen diese Mega-Knöpfe etwa Gottesaugen entsprechen? Unwillkürlich fielen mir die Beschreibungen aus der »Gottesvergiftung« des Psychoanalytikers und Religionskritikers Tilmann Moser ein: Der All-Gegenwärtige verfolgt selbst heimliches Schokolade-Naschen. Au Backe, der sieht mich. Und Strafe droht. Andererseits: Schlecht wäre es vielleicht nicht, wenn diese Botschaft die Herzen der Boni-haschenden Banker und Schadstoffexperten der Autoindustrie erreichte: DER sieht dich!

Vermutlich hatten die Kirchentagsvordenker mit dem Motto ganz anderes im Sinn: ein tröstendes Wort für die Übersehenen. Überbordende Terminkalender der Psychotherapeuten oder überfüllte Pegida-Schreiplätze weisen ja darauf hin, dass sich viele Menschen so wenig gesehen fühlen, dass ihnen nur trostlose Perspektiven bleiben. Dann leuchtet ein, zu sagen: Du bist »angesehen« mitten in der empfindsamen Schöpfungsbewegung Gottes! Und wenn du beim Kirchentag dafür ein Gefühl bekommst, könnte sich der Blickwinkel ändern: Bei Alternativlosigkeit wird ja oft Perspektivwechsel geraten. Unter dem Kirchentagsmotto könnte dann etwa der vielzitierte freche Vers stehen: »Glotz beim Loben nicht immer nach oben. / Schau mal zu Sei