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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2015
Das Verschwinden der Freiheit
Der Sozialpsychologe Harald Welzer über die Bedrohung durch Google ...
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Oft bin ich sprachlos«

Olga Pischel (51) stammt aus der Ukraine und lebt in Berlin. Sie wünscht sich mehr Verständnis für die Lage in ihrem Herkunftsland

Meine engeren Freunde wissen natürlich, woher ich komme. Sie wissen, wo die Ukraine liegt und dass meine Heimatstadt Charkiw die zweitgrößte Stadt des Landes mit 1,4 Millionen Menschen ist. Aber viele Deutsche verbinden mit meinem Land sehr wenig. Oft lerne ich Leute kennen, die immer noch in der Realität von vor mehr als zwanzig Jahren leben. Da gab es ein großes Land, die Sowjetunion, aber jeder nannte es Russland und dachte, da leben nur Russen.

Besonders schwierig war es nach den Ereignissen auf dem Majdan und dem Umsturz der Regierung in Kiew im Frühjahr 2014. Viele Deutsche haben gar nicht verstanden, was dort vor sich geht. »Wie kann es sein, dass bei dir zu Hause jetzt die Faschisten an die Macht gekommen sind?«, fragten mich viele Bekannte vorwurfsvoll. Ich war oft ganz sprachlos, denn die komplizierte Lage in der Ukraine lässt sich nicht in wenigen Worten erklären. Das setzt ein paar Grundkenntnisse voraus. Deshalb fand ich es schwierig, auf völliges Unverständnis oder sogar Anfeindungen angemessen zu reagieren.

Das erinnert mich an die Zeit, als ich 1984 nach Deutschland gekommen bin. Es war eine klassische Liebesgeschichte: Während meines Wirtschaftsstudiums in Charkiw verliebte ich mich in einen Studenten aus der DDR und bin ihm nachgezogen. Damals habe ich zunächst auch sehr gelitten. In meiner sowjetischen Heimat hatte die Perestroika unter Michail Gorbatschow begonnen. Aber in der DDR reagierten viele mit Ablehnung und Unverständnis auf diesen Umbruch: »Was soll das, was will der Gorbatschow?«

Zeitweise dachte ich, dass ich das Leben in der DDR nicht aushalte und nach Abschluss meines Studiums lieber zurückgehe. Dann kamen aber erst d