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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2015
Das Verschwinden der Freiheit
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Der Inhalt:

Ein Hauch Transzendenz

von Christian Modehn vom 08.05.2015
Die Sonntagsfeiern ohne Gott

In Nenas Song »99 Luftballons« stimmen alle voller Inbrunst ein: Mit diesem Hit wird die »Sunday Assembly« in Berlin eröffnet. Alle erheben sich, einige strecken enthusiastisch ihre Arme in die Höhe, dankbar, dass man hier gemeinsam singen darf. Sechzig Teilnehmer und Teilnehmerinnen, auch jüngere, sind gekommen, interessiert, in dieser Gruppe »das Leben zu feiern«, wie es im Programm heißt. Die meisten sind nichtreligiös oder konfes sionslos. Aber sie brauchen – wie die Frommen – das Gemeinschaftserlebnis, das »zwecklose Miteinander«, eine Art Sonntagsgottesdienst ohne Gott, zur ausgeschlafenen Zeit, um 14 Uhr.

Wie in einer Kirche blicken alle nach vorn. Dort befinden sich weder Altar noch Kerzen oder Bilder, sondern nur ein Tisch ohne Decke, ohne Blumen sowie ein Pult mit dem Mikro für die Ansprachen. Heute geht es über den »Weg der weißen Wolken« und »Die Reise des Helden«. Die Vorträge werden wie in einer Liturgie von Songs umrahmt, dafür tut eine Vorsängerin ihr Bestes.

Im schlichten Sitzungssaal des »Akademischen Vereins Hütte« in Charlottenburg hat die »Sonntagsversammlung Berlin« – zur Miete – Unterschlupf gefunden. Sie ist eine Filiale der inzwischen weltweiten Bewegung der Sunday Assemblies: Von London aus gesteuert, werden sie in 86 Städten angeboten. Auf einem Flyer werden die für alle Assemblies gültigen »atheistischen Glaubensprinzipien« formuliert. Man will »keine Doktrin verbreiten« und auf »kämpferischen Atheismus« verzichten, um offen »für alle« zu sein. Aber sind die »Prinzipien« kohärent? »Wir glauben nicht an Übernatürliches.« Trotzdem soll auch »ein Hauch von Transzendenz« in den Alltag wehen.

Wo kommt dieser »Hauch« von Transzendenz zum Wehen angesichts der vielen bloß gut gemeinten, meist englischen Songs und der eher nüchternen (Volkshochschul-)Vorträge? Auch die »Pflege der Gemeinschaft« findet in der Feierstunde selbst kaum statt. Das Gespräch etwa mit den Sitznachbarn ist kurz und knapp. Die Teilnehmer dürfen auch nicht spontan zum Mikro gehen. Wie in der Kirche bestimmen die »Liturgen« das Geschehen. Muss eine Lebensfeier so reglementiert sein? Schließlich wird die Kollekte eingesammelt. Die Gemeinde arbeitet ehrenamtlich, erhält von der offenbar finanziell gut ausgestatteten Londoner Zentrale keine Zuschüsse. In den »Vermeldungen« wird auf einen philosophischen Gesprächskreis und eine Meditationsrunde hingewiesen.

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