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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2013
Die Suchbürger
Evangelischer Kirchentag: Offen, freundlich, unentschieden
Der Inhalt:

Tabu Ost

von Thomas Gesterkamp vom 17.05.2013
Im NSU-Prozess wird die Herkunft der Täter bislang nicht zum Thema. Ein Fehler mit fatalen Folgen

In dem Buch »Eisenkinder« beschreibt die Journalistin Sabine Rennefanz ihre Jugend Anfang der 1990er Jahre im ostdeutschen Eisenhüttenstadt. Exemplarisch schildert sie »die stille Wut der Wendegeneration«, die während der Pubertät zwischen zwei Ländern und zwei politischen Systemen die Orientierung verlor. Zur Alterskohorte von Rennefanz gehört das Mördertrio vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU): Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Auch die vier NSU-Unterstützer, die jetzt neben Zschäpe in München vor Gericht stehen, stammen aus den neuen Bundesländern. Alles Zufall?

Mit rhetorischen Floskeln wie der »Empfindungsunion«, die Richard von Weizsäcker als Ziel benannte, beschwor die politische Elite früh einen Common Sense jenseits befürchteter Feindbilder. Nichts sollte gefährden, dass zusammenwächst, was zusammengehört. So wurde es zum Tabu, den wachsenden Rechtsextremismus in Ostdeutschland wahrzunehmen und als Folge des Umbruchs zu interpretieren.

Auf die Angriffe gegen Asylbewerberheime in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda folgten die Brandmorde von Mölln und Solingen. Damit war klar: Fremdenfeindlichkeit ist ein gesamtdeutsches Phänomen. Und doch steckt hinter der Aufzählung dieser Städtenamen falsche Gleichmacherei. In Solingen zum Beispiel – der Anschlag jährt sich in diesen Tagen zum zwanzigsten Mal – klatschten die Anwohner keinen Beifall. Zwar gab und gibt es eine nicht unerhebliche rechte Szene in der Stadt, doch schon am nächsten Tag demonstrierten Tausende gegen Neonazis.

Ein Phänomen der neuen Bundesländer ist nach wie vor der Ausländerhass ohne Ausländer. In Eisenhüttenstadt oder Lobeda liegt der Anteil der Bewohner mit Migrationshintergrund im Promillebereich; in Köln-Chorweiler, Frankfurt-Bonames oder Berlin-Neukölln eher bei fünfzig Prozent. Umso erstaunlicher und bewundernswerter ist, wie vergleichsweise friedlich die Menschen in diesen Vierteln miteinander auskommen; daran ändern auch die Polemiken eines Thilo Sarrazin nichts. Die Alt-Bundesbürger haben sich in einem jahrzehntelangen Prozess daran gewöhnt, in einem Einwanderungsland zu leben. Den DDR-Bürgern fehlte diese Erfahrung; erst jetzt wird sie langsam nachgeholt.

Zu Recht wird immer wieder die Blindheit der Behörden kritisiert, die die ethnische Herkunft der NSU-Opfer zu Spekulationen über kriminelle Machensch

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