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Die Sekunde des Erkennens

Patrick Roth gibt sich dem Leser mit offener Flanke preis. Er führt jeden durch ein Tor, das eine je eigene Einsicht ermöglicht

Mehr als 2500 Kreuze, aufgerichtet am Strand von Santa Monica in Kalifornien, für jeden gefallenen Soldaten des Irak-Krieges - mit diesem Bild beginnt der Film »In My Life - 12 Places I Remember« von Patrick Roth, Mainzer Stadtschreiber des Jahres 2006. Als Arbeit dieses Stipendiums hat er für das ZDF ein elektronisches Tagebuch in Form eines Films gefertigt, zu dem er das Drehbuch schrieb und bei dem er Regie führte. In intensiven Erinnerungsbildern führt er an die Orte seiner Wahlheimat Los Angeles, wo er gewohnt und geschrieben hat, die für seine persönliche und künstlerische Laufbahn wichtig waren. Es falle ihm schwer, sagt Patrick Roth, sich nicht verloren zu geben angesichts dieser Bilder. Beim Sammeln und Reflektieren seiner amerikanischen Vergangenheit, dem Sich-einer-ungeheuren-Bilderflut-Aussetzen, kommt Roth zu der Erkenntnis, dass eine Rettung aus dem Chaos, aus großen und kleinen Katastrophen nur durch Sinnsuche möglich ist. Der Film endet mit einer Szene während einer Lesung im Mainzer Dom, die in einer Vision abschließt: Die Zuhörer in den Bänken und auch er selbst als Vorlesender sind verschwunden. Ein Reiter reitet im Kirchenschiff altarwärts - die mensa des Altars wird in einer Überblendung ersetzt durch die mesa des Monument Valley, in dem Patrick Roth in der vorangegangenen Szene am Feuer gesessen hat. Dann löst sich auch der Reiter auf. Es bleibt ein Licht. Nach der dunkelsten Nacht, so reflektiert der Erzähler und Autor des Films, könnte etwas Neues stehen, ein neues Bewusstsein. Sunrise. Was durch das Chaos hindurch Richtung weist, ist Sinn.

In Karlsruhe, der Stadt, in der der 1953 in Freiburg geborene Schriftsteller Patrick Roth aufgewachsen ist, treffe ich ihn zu einem Gespräch. In der Studentenkneipe »Ubu«, die er schon als Schüler und