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Mutter Solidarnosc

von Jens Mattern vom 23.04.2010
Anna Walentynowicz kam bei dem Flugzeugabsturz in Smolensk ums Leben

Anfangs machte sie einen verlorenen Eindruck, sie war klein, gerade 1,50 Meter, ging in der spiegelkalten Empfangshalle des neuen Warschauer Medienhauses der Rzeczpospolita gebeugt am Krückstock langsam auf die Sitzgruppe mit den Sesseln zu – doch dort saß sie dann aufrecht und beherrschte den Raum.

»Leben Sie in einem freien Polen?«, fragte ich zum Einstieg. Darauf hatte sie gewartet. Sie schaute mich mit ihren wasserblauen Augen prüfend, fast lauernd an und fragte rhetorisch zurück »Darf ich ehrlich sein?« Dann lachte sie kurz. »Nein, das ist keine Freiheit, das ist eine Fiktion!« Und dann erklärte sie ihr Weltbild, wie es um Polen wirklich steht.

Ich traf Anna Walentynowicz, die Legende der Solidarnosc, im August vergangenen Jahres, um sie für eine Tageszeitung zu porträtieren. Nun ist sie bei dem Flugzeugabsturz in Smolensk, auf dem Weg zur Gedenkstätte von Katyn, dem Symbol für das Verbrechen der Sowjets an Polen, umgekommen.

Anna Walentynowicz war Polens bekannteste Antikommunistin. Ohne sie hätte es die Solidarnosc nicht gegeben. Tausende legten damals zum Protest die Arbeit nieder, als die Werftleitung im August 1980 Anna Walentynowicz, die unbeirrbare Kranführerin, entlassen wollte.

Anna Walentynowicz und Lech Walesa wurden zusammen für kurze Zeit die Symbole für mehr Selbstbestimmung und Unabhängigkeit in Polen. Nach einem mehrwöchigen Streik akzeptierte dann die kommunistische Partei die 21 Postulate der Streikenden. Die Solidarnosc, die erste freie Gewerkschaft des Ostblocks, wurde geboren – schon im Oktober 1980 hatte sie etwa zehn Millionen Mitglieder. Nachdem General Wojciech Jaruzelski die Gewerkschaft am 13. Dezember 1981 durch das Kriegsrecht auflöste, wurde sie erst im April 1989 wieder zugelassen und gewann im Juni die ersten Wahlen im Ostblock. Heute ist Polen ein Land mit einer funktionierenden Demokratie, das sogar die Finanzkrise gut überstand.

Doch die pensionierte Werftarbeiterin sah keinen Grund zur Freude. Nur die erste Solidarnosc, die 1980 entstand, sei die einzig wahre gewesen. Davon war die Walentynowicz fest überzeugt. Absprachen mit dem polnischen Geheimdienst SB (»Sicherheitsdienst«) habe es gegeben, bevor die zweite Solidarnosc existieren durfte. Mit den Kommunisten wurde nicht vor Gericht abgerechnet, beklagte sie und erinnerte stets daran, welche Priester von deren Han

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